Eine Anmerkung der Redaktion ist nötig: "Bis 20" soll und kann keine Feuilleton-Seite sein; Gedichte und Kurzgeschichten müssen wir zurückgeben. Der Beitrag von Till von Heise er ist eine Ausnahme und soll das bleiben. Wir drucken ihn als einen Beleg dafür, daß es auch sehr junge Schreibtalente gibt: Der Autor ist knapp neun Jahre alt (und wir haben uns vergewissert, daß ihm kein älterer geholfen hat), Clemens Ulrich Sack, 17 Jahre, urteilt aus seiner Erfahrung als Austauschschüler, Peter Schildt, 17 Jahre, ist ebenfalls Schüler.

Früher war es ziemlich selbstverständlich, daß man den Wehrdienst ableistete und für sein Volk in den Krieg zog. Heute dagegen wächst in der westlichen Welt die Zahl der Wehrdienstverweigerer. Immer mehr junge Menschen wollen den "Dienst mit der Waffe" nicht leisten. Auch in der Bundesrepublik verweigern seit einigen Jahren viele junge Menschen den Wehrdienst. Teile der Gesellschaft sehen diese Entwicklung mit Besorgnis. Sie erinnern sich vielleicht an den Ausspruch des Ex-Kanzlers Kiesinger: "Die Bundeswehr ist eine Schule der Nation", und mit-Genugtuung konstatieren sie, daß die langen Haare der Schere zum Opfer fallen müssen und daß dem gar zu kritischen und aggressiven Verhalten der Wehrpflichtigen ein Riegel vorgeschoben wird; daß die "jungen Burschen" endlich Disziplin und Benehmen lernen; daß sie, lernen, sich einzuordnen und somit für die Staatsgemeinschaft erträglich werden; daß sie ein Gefühl gewinnen für Autorität und Verantwortung.

Aber es ist noch mehr in dem Wort "Schule der Nation" enthalten. Nicht von irgendeiner Schule ist die Rede, nein, von einer Schule der Nation, einer Schule, die die Nation erzieht. Wo sonst, so sagen die Befürworter des Wehrdienstes, können junge Menschen besser das Gefühl der Zusammengehörigkeit, der Volksgemeinschaft erleben als im gemeinsamen Dienst. Und dieses Gefühl müssen sie bekommen; denn die Jugend muß einen gewissen Stolz entwickeln auf ihr Vaterland, ein "gesundes Nationalbewußtsein". Und wo kann sie das besser als in der Armee?

Freilich sind viele Menschen auch anderer Ansicht. Sie wollen sich nicht die Haare abschneiden lassen; sie möchten ihre individuelle Freiheit nicht aufgeben. Sie wollen auch gar nicht Disziplin lernen, wollen nicht lernen, sich unterzuordnen. Denn das, so sagen sie, ist gefährlich. Das führt zur Kritiklosigkeit; und eine gute Staatsgemeinschaft kann nicht auf Kritiklosigkeit basieren. Und von Begriffen wie Volksgemeinschaft und Vaterland wollen manche überhaupt nichts hören; denn die haben für sie einen Beigeschmack, der ein wenig nach Nationalismus und Krieg schmeckt.

Die Gruppe der Wehrdienstverweigerer ist vielschichtig. Die einzelnen haben verschiedene Gründe für ihren Entschluß, den Kriegsdienst zu verweigern. Bei einigen sind es rein politische Gründe, bei anderen religiöse, und wieder andere können den Wehrdienst nicht mit ihrer Anschauung von der Welt in Einklang bringen. Diese Gruppe ist vielleicht die größte. Ihre Anhänger sind über das enge Staatsdenken, das Machtdenken der früheren Jahrhunderte hinausgekommen. Sie wollen einfach keinen Krieg; sie wollen auch keine Kriegshelden sein und keine Auszeichnungen bekommen; sie wollen keine Paraden zur Demonstration der Macht ihres Landes.

Sie wollen sich nicht zu einem Mittel machen lassen, das man für etwas benutzt, das ihnen nichts – bedeutet. Sie haben eine sehr kritische, zum Teil extremistische Einstellung zur westlichen Welt, deren Ziele oft nicht ihre Ziele sind. Für sie haben Uniformen etwas Unterdrückendes. Sie wollen keine Uniformträger sein, und deshalb fordern sie. das Recht, den Kriegsdienst ohne Angabe von Gründen verweigern zu können: sie wollen sich nicht entschuldigen.

Freilich, an dieser Stelle taucht die Realität der Nato und der damit verbundenen Verpflichtungen auf, die Schlagkraft der Bundeswehr könnte nachlassen, wenn zu viele den Wehrdienst verweigerten, und damit könnte sie ihren Verpflichtungen den Bündnisländern gegenüber nicht mehr nachkommen. Aber die Bundesrepublik braucht den Schutz der Nato. Der Wehrdienst scheint also eine Notwendigkeit zu sein.