Von Dieter Piel

Gerhart Stoltenberg, Allround-Mann der CDU mit besonderer Neigung für wirtschaftliche Fragen, findet es "besorgniserregend", daß die Bürger der Bundesrepublik in diesem Jahre etwas leichtfertiger mit ihrem Gelde umgehen als noch im Jahr zuvor. Daß 1970 ein relativ geringerer Teil des westdeutschen Volkseinkommens gespart wird als in den Vorjahren, erscheint ihm als Folge einer "Inflationsmentalität", an der die sozialliberale Bundesregierung die Hauptschuld trage.

Der CDU-Politiker und mit ihm viele andere, die eigentlich alles, was seit der letzten Bundestagswahl in der Bundesrepublik geschehen ist, mit größter Unlust verfolgen, haben die Statistik auf ihrer Seite, "nicht aber", so ein hoher Beamter des Bundeswirtschaftsministeriums, "die Einsicht". Einerseits weisen die von der Deutschen Bundesbank regelmäßig veröffentlichten Zahlen aus, daß seit Januar im Durchschnitt nur noch 10,5 Prozent des verfügbaren Einkommens gespart werden. Dieser Anteil ist geringer als der des Jahres 1969 (11,5 Prozent) und 1968 (10,9 Prozent).

Andererseits aber sind sich die meisten darin einig: Die mit dieser Zahl errechnete sogenannte Sparquote leidet unter statistischen Mängeln, da sie nicht alle Ersparnisse berücksichtigt. Zudem pflege sie in Zeiten der Hochkonjunktur auch dann zu sinken, wenn kaum jemand eine Inflation befürchtet.

Immerhin mag niemand ausschließen, daß auch die weitverbreitete Angst vor einer neuerlichen raschen Geldentwertung zur derzeitigen Müdigkeit der deutschen Sparer beigetragen hat – wenn es auch schwerfalle, dies in Zahlen wiederzugeben. Die Folgen der zunehmenden Verunsicherung des Sparens wirken sich sogar im Bundeswirtschaftsministerium aus.

"Eine Sekretärin hat mich doch im Ernst gefragt, ob sie nicht eine 10 000-Mark-Barschaft in die Schweiz transferieren soll", erregt sich ein dort arbeitender Ministerialrat. Nur mit Mühe konnte er erreichen, daß die Dame statt der zinslosen Anlage auf einem schweizerischen Nummernkonto die nach wie vor rentierliche Anlage auf einer bundesdeutschen Bank oder Sparkasse wählte. Zu sehr hatte sie offenbar das Rechenkunststück des Währungsexperten Bruno Heck (gelernter Altphilologe und heute CDU-Generalsekretär) beeindruckt, wonach die inflationsgeplagten deutschen Sparer in diesem Jahr fünfzehn Milliarden Mark verloren haben.

Von solchen Ängsten frei, betrachten indes viele Fachleute den Rückgang der Sparquote ohne sonderliche Erregung. Recht nüchtern nennt ihn etwa Ludwig Poullain, Präsident des Deutschen Sparkassen und Giro-Verbandes, "einen nicht sehr erfreulichen, aber keineswegs dramatischen Vorgang". Zu denen, die es anders sehen, gehört Poullains Kollege vom Bundesverband der deutschen Banken, der konservative Alwin Münchmeyer: Setze sich die Tendenz der im ersten Halbjahr beobachteten Sparneigung fort, so wäre dies ein "deutliches Zeichen für einen bedenklichen Vertrauensschwund in unsere Währung".