Von Martin Burg

Generaldirektoren in Amerika wie in Europa mögen sein Erfolgsbuch "Hoch lebe die Organisation" mit Schaudern lesen. Denn Robert Townsend hat allem, was ihnen seit vielen Jahren lieb und unentbehrlich dünkt, den Kampf angesagt. Auch ihnen selbst, den großen Bossen, möchte er an der Spitze ihrer Unternehmen nur gut fünf Jahre Zeit geben. Dann soll man, so meint er, die "Schurken" hinauswerfen, wenn sie sich nicht selbst elegant zurückziehen. Und so weiter.

Doch Townsends Buch werden sicherlich auch Generaldirektoren, die nicht nach fünf Jahren gehen wollen, mit Amüsement und vielleicht sogar einigem Gewinn lesen. Es ist allerdings ein einziges Patentrezept, von dessen Allgemeinverbindlichkeit der Autor, der auf Einladung seines Verlegers Willy Droemer einige Tage in München Hof hielt, felsenfest überzeugt ist. Auf jede Frage hat er in Sekundenschnelle die seiner Ansicht nach richtige. Antwort parat. Wirtschaft und Politik sieht er dabei, ein echter Amerikaner, in innigem Zusammenhang. Denn wenn ihm die unproduktive Super-Organisation der Mammutkonzerne ein Dorn im Auge ist, so muß ihm das Pentagon als Prototyp einer sterilen "Institution" erst recht die härtesten Urteile entlocken.

Mit Präsident Richard Nixon wüßte Townsend im Rahmen einer strikt nach seinen Regeln aufgebauten Betriebsorganisation durchaus etwas anzufangen. Genüßlich erzählt er, wie ihn in Kopenhagen Journalisten fragten, was er von Nixon halte. Seine Antwort: "Er ist ein intelligenter Mann, doch ganz ohne Grundsätze." Und als die dänischen Presseleute weiter von ihm wissen wollten, ob er denn Nixon "feuern" würde, wenn dieser Mitarbeiter in einer von ihm geleiteten Firma wäre, meinte Townsend leichthin: "Mitnichten. Ich würde ihn an einen Platz stecken, an dem intelligente Männer ohne Grundsätze gebraucht werden."

So sonnt sich Townsend auch in Europa in der Gunst der Massenmedien, die seinem Buch in den USA inzwischen zu einer Auflage von 320 000 Exemplaren verholfen haben. In der Bundesrepublik fanden bereits 60 000 Stück des Rezeptbuches ihre Käufer. In dreizehn Sprachen wurde die Horror-Fibel für Manager bisher übersetzt. Für den alerten Verfasser, der das äußerst knapp gehaltene und deshalb rasch lesbare Buch in Form von alphabetisch geordneten Mini-Essays (von "Abnutzung ist unvermeidlich" bis "Zuwenig ist fast immer besser als zuviel") in drei Wochen zusammengeschrieben hat und nun mit 50 Jahren als eine Art denkender Pensionär auf seinen Lorbeeren ausruht, gibt es keinen Zweifel: Würden alle Firmenbosse nach seinen Ratschlägen handeln, so würde es in der Wirtschaft viel produktiver und zugleich menschlicher zugehen.

Townsend haßt vor allem die drei schmutzigen Wörter administration, personal und efficiency, in denen sich für ihn alles vereinigt, was, er als verderblich für wirtschaftliche Unternehmen ansieht. Administration hält er weithin für überflüssig. Werbeabteilung, Public-Relations-Abteilung, Personalabteilung: Zum Teufel damit! Weg mit den Sekretärinnen! Die Mädchen von der Telephonzentrale, so weiß er, machen es besser. Statt personal sagt er people und meint damit Menschen. Wichtiger als die scheinbare "Effizienz" ist ihm der "Effekt". Eine Organisation soll seiner Ansicht nach auf die Teile reduziert werden, die effektiv zu arbeiten vermögen.

Der hünenhafte Mann, der pausenlos solche eingängigen Lebensweisheiten für Unternehmensführung von sich gibt und in immer neuen Formulierungen den US-Großkonzernen vorwirft, daß an ihrer Spitze nicht leaders, sondern nur housekeepers, Haushälter statt Führungspersönlichkeiten, stehen, sitzt schlank und groß und sehr gesund neben mir. Unwillkürlich ziehe ich meinen Bauch ein und wähle auf der Lunchkarte nur eine Winzigkeit, denn ich möchte mich gern "entfrustrieren". Schreibt Townsend doch auf Seite 109 der deutschen Ausgabe seiner modischen "Summa oeconomica" unter dem Stichwort "Gewichtszunahme" in lapidarer Kürze: "Es ist ein sicheres Zeichen für Frustration, wenn ein Mensch Fett ansetzt. Achten Sie bei Ihren Mitarbeitern auf dieses Symptom! Wenn seine Ursachen beseitigt sind, verschwindet das Übergewicht von selbst." Ein Glück, daß ich mit dem Firmen-Medizinmann aus USA nur zu einem Blitz-Interview und keinem Einstellungsgespräch verabredet bin. Wahrscheinlich würde dabei nur ein fire ohne hire herauskommen.