ZDF, Sonntag, 1. November: "Big Valley"

Die Story war gut gedrechselt: Alter Vater stirbt im Gefängnislazarett; der Sohn zieht als Rächer aus, nein, zwei Söhne, Zwillinge, was die Hüter von "law and order" nicht sogleich bemerken. Junger Rechtsanwalt, Anwalt des Rechts ohne Rücksicht auf seine politische Karriere, paukt den Mörder vor dem Schwurgericht frei. Recht muß Recht bleiben, und wenn der Himmel einstürzt; auch dem ärgsten Lump muß die "In dubio pro reo"-Paragraphenlücke offengehalten werden. Der Zweifel nagt weiter; aber der Verbrecher hat das Beste, was ein Gauner haben kann: ein Alibi. Daß es falsch ist, weil da Zwillinge ihr übles Verwechselungsspiel treiben, kommt heraus, weil Mrs. Barkley eine Hausfrau ist, die Ordnung in ihren Truhen hält und auf den ersten Hingriff eine zwanzig Jahre alte Akte findet. Dann kracht’s; der hereingelegte Rechtsanwalt rettet seine Mutter vor den unrasierten Rächern. Und zum Schluß zwei Schuß. Wie hieß der Colt im Wilden Westen? "Friedensstifter" hieß er.

In jedem Satz Moral, in jeder Bildsequenz desgleichen, so war sie, so ging sie zu Ende, die Fernsehserie aus dem "Großen Tal" irgendwo in Kalifornien, irgendwann in jenen Jahren, als der Wilde Westen gerade gezähmt wurde. Als "Big Valley eine Sendung im Doppelsinn des Wortes, nun zum 61. und letzten Male im Wohnzimmerkino gezeigt wurde, schwang ein Unterton von Abschiedsstimmung in der Ansage mit: "Wir hoffen, daß Sie sie in guter Erinnerung behalten", die Mrs. Barkley, Barbara Stanwyck, die eine Filmstar-Gloriole ins Fernsehen hinüberrettete und ein wenig davon auf Linda Evans strahlen ließ, und die anderen, die berühmt nur unter ihrem Fernsehnamen wurden, der Heath, der Nick, der Jarrod.

Wahrscheinlich war es kein Zufall, daß diese Serie in Amerika entstand, als noch John F. Kennedys "New Frontier"-Parole galt. Ein bißchen haben die Barkleys wie eine Kennedy-Brüderschaft gewirkt; und Geld hatten sie auch, das Geld des Tüchtigen. Daß auf ihrer Ranch, wie auf anderen auch, immer was los war, aber praktisch nie gearbeitet wurde, nun, der Fernsehkenner kennt’s nicht anders. Daß Wildwest-Experten sich über falsche Kleidung, falsche Rollenverteilung, falsche Pferde mokierten, wen scherte es. Nichts-stimmt in dieser Serie; aber alles war richtig:

Es war exakte Propaganda für "das Gute" in amerikanischer Potenzierung. In diesem Kurzwestern war eine Klippschule jener Kleinstadtdemokratie enthalten, in der jeder den gebührenden, am sichersten am Bankkonto zu messenden Platz erhält; einen Schnellkursus in Kapitalismus gab es dazu: Auch Bankiers dürfen und müssen hart wie Cowboys sein. Und schließlich wurde immer penetranter, der rechte Weg für nicht nur amerikanische Bürger gewiesen: hinauf, auf die Höhe der Wir-haben-es-geschafft-Million, herum um alle Wirklichkeit von Armut, Abhängigkeit und Alltag.

Der Wilde Westen als eine heile amerikanische Welt, deren winzige Schwächen mit einem Muttermachtwort, einem Richterspruch, einem Fausthieb selbstverständlich auch und, wenn’s denn sein mußte, mit dem "Friedensstifter" überwunden wurden – das war "Big Valley".

Geschossen übrigens wurde ziemlich selten. Zu selten, meine ich, und vor allem: es wurde zu wenig und zu schlecht zurückgeschossen. Mindestens einem der Barkleys hätte man Blei in den Bauch gewünscht. Bitte sehr, zu solch brutalen Gedanken kann Fernsehen verführen

Alexander Rost