Von Heinz Maegerlein

An den ersten vier der insgesamt fünf Tage währenden Turnweltmeisterschaft in der Hauptstadt Sloweniens, Ljubljana, hatte man bei den Besten der rund 400 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus 33 Ländern meinen, können, Roboter am Werk zu sehen.

Am letzten Tag aber, dem Tag der Finalkämpfe an den einzelnen Geräten, der doch recht eigentlich die Krönung bringen sollte, da sich ausschließlich die Allerbesten noch einmal in ihren Spezialdisziplinen vorstellten, kam niemand unter den vorbildlich objektiven, die Kämpfe leidenschaftlich und sehr fachkundig verfolgenden Zuschauern auf diesen Gedanken. Da plötzlich zeigte es sich, daß selbst diese besten Turnkünstler der Welt in den Tausenden von Trainingsstunden, die diesem letzten großen Kräftemessen vor den Spielen von München überall vorausgegangen waren, Menschen geblieben waren wie du und ich, Menschen mit Fehlern und Ängsten.

Einen Tag zuvor hatten vor allem die Japaner und Russen beim doch gewiß kräftezehrenden Ende des Zwölfkampfs noch immer anscheinend unerschöpfliche Reserven an Nerven- und Körperkraft besessen. Vor allem die Japaner hatten dabei mit fast spielerischer Leichtigkeit, offenbar innerlich und äußerlich gelöst, die fast unglaublichen Schwierigkeiten ihrer Kürzungen demonstriert. 24 Stunden später aber sah man die gleichen Männer völlig anders. Die Nerven und die Kräfte hielten nicht bis zum Ende dieser Weltmeisterschaften durch.

Da hatte der große Zwölfkampfweltmeister von 1966, der Russe Woronin, ein Muskelbündel par excellence, plötzlich nicht einmal mehr die Kraft, den Seitstreckhang an den Ringen die geforderten drei Sekunden hindurch auszuhalten. Da mußte der Japaner Kenmotsu, der neue Zwölfkampfweltmeister von Ljubljana, am gleichen Gerät bei der Felge ins Handstehen nachdrücken, weil er nicht sofort ins Handstehen kam. Da gelingt kaum einem der besten Sechs der Welt an diesem Gerät der Abgang zum sofortigen Stand, alle haben beim Absprung zumindest Balanceschwierigkeiten, zwei kommen zu Fall. Beim Bodenturnen erreicht kein Einziger auch nur eine ähnliche Leistung wie am Vortag innerhalb des Zwölfkampfes. Da landet Kenmotsu nach dem Salto mit doppelter Schraube so schlecht, daß er nur durch schnelles Weiterlaufen den groben Fehler einigermaßen kaschieren kann. Keinem gelingt ein einwandfreier Abschluß, alle müssen nach dem Schlußsalto durch rasche Seitwärtsschritte die Balance wieder herstellen.

Man erinnert sich plötzlich, daß man auch bei den Olympischen Spielen von Tokio und Mexico City gerade bei den Finalkämpfen ähnliche, kaum erklärbare Fehler erlebt hatte. Noch schlimmer wird es hier in Ljubljana beim Sprung über das Pferd. Da greift ein Mann wie Nakayama, der an diesem Tag der erfolgreichste aller Teilnehmer wird, da er drei Weltmeisterschaften gewinnt und einmal Zweiter wird, wie ein Anfänger in die "verbotene Zone", in die Mitte des Pferdes, auf der man sich nicht aufstützen darf, wenn man nicht hohen Punktabzug hinnehmen will. Da rutscht Kenmotsu, der zweifache Weltmeister, bei seinem zweiten Sprung fast mit den Händen über das Pferdende, als ihm nach seiner Vornote und seinem ausgezeichneten ersten Sprung schon eine Medaille sicher zu sein scheint.

Da resignieren plötzlich selbst die sieggewohnten Russen, indem sie die höchsten Schwierigkeiten ihrer Reckübungen auslassen, obwohl sie doch genau wissen, daß sie nur mit dem Mut zum allergrößten Risiko eine kleine Chance haben, den überragenden Japanern wenigstens eine einzige der Einzelweltmeisterschaften zu entreißen.