Von Sepp Binder

Stuttgart, im November

Mitternacht war längst vorüber. Die Uhren zeigten halb drei. Hoch über Stuttgart, in der Residenz des baden-württembergischen Ministerpräsidenten, ließ der Hausherr die Gläser füllen. Hans Filbinger versuchte in seinem Trinkspruch mit munteren Tönen politische Harmonie und private Heiterkeit zu stimulieren: "Ein Erfolg. Ein Erfolg für beide Seiten, endlich eine Einigung – na, was will man mehr."

Drei Stunden später, am Dienstagmorgen, erfuhren die Metallarbeiter zwischen Karlsruhe, Stuttgart und Neckarsulm schon vor den Werktoren: Der Streik ist abgeblasen; Unternehmer und IG Metall haben sich in Nordwürttemberg/Nordbaden auf eine Lohnerhöhung von 12,2 Prozent geeinigt. Die Arbeiter waren zufrieden.

Das Mehr in der Lohntüte verdanken sie vor allem einem Mann, den seine Kritiker für ein rotes Ungeheuer halten: dem Stuttgarter Metallarbeiterboß Willy Bleicher. Er gehört zu jenen "Landesfürsten" innerhalb der Gewerkschaft, die seit den Septemberstreiks im vergangenen Jahr an radikalem Profil gewonnen haben. Der dreiundsechzigjährige "Metaller" ist ein entschiedener Gegner der konvertierten Aktion, ein eifriger Ideologe und mitunter ein harter Kritiker des so oft kompromißbereiten Metallarbeiterführers Otto Brenner.

Über das Ergebnis der vor einem Jahr von Brenner zentral geführten Tarifverhandlungen mokierte sich Bleicher damals: "Ich hätte mehr als acht Prozent herausgeholt. Ich bin kein Arbeiterverräter." Bleicher hielt Wort. Mit dem neuen Tarifabschluß liegt Nordbaden/Nordwürttemberg an der Spitze der Metallöhne in der Bundesrepublik. Hinter den 12,2 Prozent nehmen sich die zehnprozentigen Lohnerhöhungen in Hessen und Niedersachsen, Osnabrück, Berlin und Rheinland/Rheinhessen geradezu bescheiden aus. "Manipuliert" gar fühlen sich die Metaller in der nordrhein-westfälischen Metallindustrie. Nachdem sich die Tarifpartner auf eine Erhöhung von 11 Prozent geeinigt hatten, kippten aufgebrachte Arbeiter die Privatwagen von Gewerkschaftsfunktionären um.

Zwischen Willy Bleicher und seinen Metallarbeitern hingegen liegt keine Distanz. Die Unternehmer fürchten seinen hemdsärmeligen Verhandlungsstil und seine poltrige Sprache. Er ist für sie ein Bürgerschreck, der von "dem kapitalistischen System" nicht viel hält und in seinen Reden bisweilen drohte die Unternehmergesellschaft aus den Angeln zu heben.