London, im November

Boom Alley" (Knall-Schneise) heißt der Streifen im Luftraum zwischen Westschottland und Cornwall, wo sich der britische Prototyp der Concorde derzeit von Mach zu Mach verschnellert. Ob aber das Überschallflugzeug jemals in Serie geht, ist immer noch unklar – zum Ärger der Anrainer jener Schneise, zum Ärger auch der Firmen in England und Frankreich, die auf das endgültige Wort der Regierungen warten.

London kann sich dazu noch nicht entschließen; im Dezember soll es eine neue Beratung der zuständigen englischen und französischen Minister geben. Whitehall ist derzeit von Kopf bis Fuß auf Sparen eingestellt. Das hat Zweifel aufkommen lassen, ob sich kostspielige Gemeinschaftsprojekte derzeit mit London überhaupt unternehmen lassen.

Das europäische Projekt einer Rakete für den bemannten Raumflug in Zusammenarbeit mit dem amerikanischen "Apollo"-Anschlußprogramm ist daher von den Briten in der letzten Woche aufgegeben worden. Der Londoner Minister für Luftfahrtindustrie, Corfield, war zwar in Brüssel nicht der einzige Skeptiker im europäischen Kreise, aber neben Frankreich, Belgien und der Bundesrepublik sollte Großbritannien eben einer der Hauptträger des Projektes sein. Minister Corfield fand den europäischen Weltraum-Ehrgeiz zu unklar formuliert, sowohl in den Zielen wie in den Kosten. Die Briten ließen in Brüssel durchblicken, nach einem EWG-Beitritt werde die Teilnahme neu überdacht. Das deutet auf einen zweiten Grund hin, warum die britische Regierung derzeit europäische Verpflichtungen scheut: Sie möchte nicht eines Tages an den weniger wichtigen Vorhaben des Kontinents finanziell beteiligt, aber von der Hauptsache, dem Gemeinsamen Markt, ausgeschlossen sein.

Das gilt auch für das neue Kernspaltungsvorhaben der CERN, der europäischen Atomforschungszentrale, das an der französisch-schweizerischen Grenze für etwa eine Milliarde Mark verwirklicht werden soll. Die Labour-Regierung hatte eine britische Beteiligung rundweg abgelehnt. Die Genfer Zentrale stellte daraufhin neue Berechnungen an und reduzierte die ursprünglichen Investitionen von 1,5 Milliarden auf eine Milliarde. Nach Angaben der Times gedenkt sich jedoch auch die neue britische Regierung an diesem Vorhaben nicht zu beteiligen.

Ungewiß, wenn nicht unwahrscheinlich ist die britische Beteiligung auch am europäischen Airbus. Hier geht es nicht um Ideologie, auch nicht allein um die Kasse. Die British Aircraft Corporation hat ein Konkurrenzprojekt, die BAC 311, entworfen und erwartet natürlich, daß die beiden staatlichen britischen Fluggesellschaften diesen Typ kaufen. Der europäische Airbus würde zwar britische Zulieferungen benutzen, kann aber zum Beispiel der Firma Rolls-Royce die Abnahme von Triebwerken erst für eine künftige Variante versprechen. Das Hauptgeschäft würde erst einmal General Electric in den USA machen.

Die Rückzüge der Briten häufen sich, aus der Quantität wird allmählich eine höchst negative Qualität. Die Tories wissen das und sehen sich starker Kritik aus dem Lager derjenigen ausgesetzt, die einige Millionen Pfund, über mehrere Jahre verteilt, als keine unzumutbare Geste europäischer Gesinnung und im übrigen als voraussichtlich gute Kapitalanlage betrachten. Sie wenden sich auch dagegen, den EWG-Beitritt abzuwarten. Wenn er nicht zustande komme, sagen sie, brauche Großbritannien erst recht so viele Brücken zum Kontinent wie nur möglich.

Karl-Heinz Wocker