Von Dieter Buhl

Unter den vielen Siegern der hessischen Landtagswahl vom vergangenen Sonntag trägt Alfred Dregger den Lorbeer mit dem größten Recht. Die von ihm geführte CDU baute ihren Stimmenanteil um fünfzig Prozent aus. Sie konnte damit zwar nicht ihren größten Nachkriegssieg in Hessen erzielen, wie Dregger in der Wahlnacht voreilig verkündete, aber immerhin den zweitgrößten.

Trotz des unbestreitbaren Erfolges wollte dem gebürtigen Münsteraner die Siegerpose nicht gelingen. Bescheidenheit war dafür aber kaum der Grund. Denn wenn Heinrich Heine die Westfalen als Menschen "ganz ohne Gleißen und Prahlen" charakterisiert, dann ist der Sohn eines Verlagsdirektors aus der heimlichen Hauptstadt der Roten Erde eher unwestfälisch. Landsmannschaftliche Eigenart hinderte Alfred Dregger also nicht daran, in die Rolle des Triumphators zu schlüpfen. Wohl aber hemmte ihn die Einsicht, daß ihn die Wahl trotz des "Traumergebnisses" dem Ziel seiner Träume nicht näher gebracht hat.

Zum Kampf um die hessischen Wähler war Dregger unter dem martialischen Motto angetreten: "Wir kommen!" Flankiert von "seiner Mannschaft" präsentierte er sich als Hans Albers und William S. Schlamm in Personalunion: als gutaussehender "Hoppla-jetzt-komm-ich-Typ", dem demagogische Tricks nicht fremd sind. Diese Mischung verkauft sich immer gut. Auch Alfred Dregger hat sie einiges an politischem, freilich nicht an persönlichem Kapital eingebracht.

Seine Karriere als Kommunalpolitiker weist einige Superlative auf. Mit 35 Jahren wurde er Deutschlands jüngster Oberbürgermeister, in Fulda. Er war auch der jüngste Präsident, den der Deutsche Städtetag, die Vereinigung bundesdeutscher Stadtoberhäupter, je hatte. Aber Präsidentenehren und die barocke Pracht seines Amtssitzes in der Bischofsstadt am Ostrand der Bundesrepublik haben Dregger nie geben können, was er wirklich genießen wollte: den Duft der großen weiten Welt der Politik. In Fulda war davon nicht einmal ein Hauch zu erhaschen.

Die Chance, dem Getto der Kommunalpolitik zu entkommen, bot sich 1967. Alfred Dregger wurde als Nachfolger des erfolg- und farblosen Wilhelm Fay zum Vorsitzenden der hessischen CDU gewählt. Er versprach, die Partei aus der Diaspora zu führen. Dieses Versprechen wurde selbst Dregger ohne viel Zweifel abgenommen, denn die christlich-demokratische Volkspartei konnte in Hessen kaum noch tiefer in der Gunst des Volkes sinken: 26 Prozent nur hatte sie bei der Landtagswahl von 1966 errungen.

Wie weit der Aufwärtstrend der hessischen CDU auf die Zielstrebigkeit Dreggers zurückzuführen ist, sei dahingestellt. Nach der Götterdämmerung Erhards ist es auch bei anderen christlich-demokratischen Landesverbänden aufwärtsgegangen. In Hessen fiel der Trend bei der Kommunalwahl von 1968 und vor allem bei der Bundestagswahl von 1969 jedoch besonders auf, weil dort der Nachholbedarf der CDU so groß war.