Matrosenanzug, Epauletten, Cul und Kavaliere, Rösser, Gaslaternen, Markisen und Karyatiden – ein paar Versatzstücke, die für die Zeitbestimmung des Bildes, in das sie gehören, beinahe genügen: Es stellt die Ecke Friedrichstraße/Unter den Linden in Berlin dar, 1874 in Stahl gestochen von C. E. Doepler. Und schon schmeckt man auf der Zunge das süße Wörtertrio von der "guten alten Zeit". Eine nicht ganz so sentimentale Variation davon verwandte der Herausgeber als Titel für sein schönes Folio-Bilderbuch –

"Europas alte Herrlichkeit", herausgegeben von Rolf Müller; Das Topographikon Verlag Rolf Müller, Hamburg; 192 S., 209 Abb., 68,– DM.

Es enthält, zu einem Drittel farbig reproduziert, "Städte und Stätten eines Kontinents in malerischen Ansichten des 19. Jahrhunderts". Eine gut beginnende, sich dann ein wenig unkonzentriert in Geplauder verlierende Einführung von Egon Schramm dient der nicht unwichtigen Aufgabe, die Vedouten, Landschaften, Bauwerke und Szenen in den historischen Zusammenhang zu betten, eine Voraussetzung, nicht nur schwärmend in Hochrufe über soviel alte Herrlichkeit auszubrechen.

Was immer man betrachtet, Dublin, Venedig, Helsinki oder Znaim, Dover, Konstantinopel oder Solothurn, Hamburg, Reval, Bourges oder Archangelsk – es ist ja nicht ganz unwichtig zu wissen, daß zum Beispiel der Hamburger Stadtteil Altona damals dänisch war und Wien eine Machtmetropole und Paris "die Stadt, welche jeder Gebildete von Zeit zu Zeit besuchen sollte, um sich an diesem Focus europäischer Civilisation zu erwärmen". Ein Vergnügen übrigens, wie Herr v. Hailbronner 1837 mitteilt: "Man dinirt um halb 6 oder 6 Uhr sehr copieusement, nimmt Kaffee in der Rotunde, treibt sich noch eine Stunde im Palais royal herum, geht in ein Theater und von da wieder in Gesellschaft, die man verläßt, sobald man sich ennuyirt."

Texte solcher Art, von Zeitgenossen verfaßt, komplettieren die Bilder auf sehr originelle Weise. Manfred Sack