ARD, Mittwoch, 4. November, "Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?"

Klaus Bölling, Chefkorrespondent der ARD in den Vereinigten Staaten, stellte in seinem zweiten großen Bericht die Frage: "Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?" Sie zu beantworten ist sicherlich viel schwieriger, als die Auswirkungen des schicksalsträchtigen inneramerikanischen Konflikts darzustellen. Über schwarze Gettos, fanatische Weiße und gewalttätige Negerorganisationen ist schon häufig genug berichtet worden. Aber die psychologischen Ursachen für Haß und Armut darzustellen, zudem mit Hilfe des fast immer vergröbernden Mediums Fernsehen, ist bisher nicht erreicht worden. Bölling ist es gelungen, eine Analyse der irrationalen Grundlagen für die Rassenmisere zu festigen: der Furcht der Weißen vor ihren schwarzen Brüdern.

Diese Furcht hat viele Wurzeln: Schuldgefühl, Mißgunst, Brotneid, sexuelle Komplexe, Minderwertigkeitsgefühl. Um sie sichtbar zu machen, bedurfte es großer Einfühlung. Der Bericht bewies sie sowohl im Text als auch im Bild. Sentimentalität, wie sie sich gerade bei der Behandlung dieses Themas so häufig breitmacht, fehlte völlig.

Dennoch lieferte der Autor kein kühles und nüchternes Psychogramm des amerikanischen Dilemmas. Die schwarz-weiße Liebesgeschichte zwischen Laura und Al, zum Beispiel, sagte in ihrer Hoffnungslosigkeit mehr aus, als es jede Statistik der Ungerechtigkeiten vermöchte.

Bölling gab bei seiner Untersuchung der Widersprüche und Wandlungen des amerikanischen Rassismus keinen optimistischen Ausblick. An eine Beseitigung der Schranken zwischen Schwarz und Weiß in den USA durch Rassenmischung, wie sie in Brasilien wenigstens teilweise möglich war, glaubt er nicht. Er wollte auch keine Lösung vorschlagen, sondern ein Phänomen erklären, das auch hierzulande viel moralische Entrüstung auslöst. Freilich bot das vorurteilsfreie Offenlegen der menschlichen und universellen Schwächen, die Ursache des Rassismus sind, keinen Anlaß zur Selbstgerechtigkeit, sondern eher zu der Frage: Gibt es nicht auch bei uns Angst vorm schwarzen oder gelben, jüdischen, spanischen oder italienischen Mann? Dieter Buhl