Berlin

Nun sitzt er wieder in der Arrestzelle: der 24 Jahre alte Eckehard Lehmann, der sich durch drei Ausbrüche in diesem Jahr aus Tegel den Titel "Ausbrecherkönig" erwarb. Kurz vor Beginn seiner Ausbrecherkarriere lernten wir ihn kennen. Es war am Heiligen Abend vergangenen Jahres. Wir drehten einen Dokumentarfilm "Weihnachten in Tegel". Eckehard Lehmann hockte auch damals in jenem Gitterkäfig, den man Arrestzelle nennt. Betonfußboden, Holzpritsche, Bodenwanne mit Abflußloch, als Toilette gedacht.

Die Dienst- und Vollzugsordnung bestimmt immer noch: "Im Arrest wird den Gefangenen der Lesestoff vorenthalten; auf Wunsch wird ihm die Bibel oder ein Gebetbuch überlassen." Weiter heißt es: "Der Arrest kann verschärft werden durch 1. Entziehung der Arbeit, 2. Entziehung des Bettlagers, 3. Schmälerung der Kost oder Beschränkung der Kost auf täglich 700 Gramm Brot und das übliche Getränk. 4. Entziehung der Bewegung im Freien. Die in Ziffern 2 bis 4 bezeichneten Verschärfungen fallen an jedem dritten Tag weg." Über den Grund des Arrests kursieren verschiedene Versionen. Die offizielle: Herstellung von Fluchtwerkzeugen aus zweckentfremdetem Anstaltsmaterial. Die inoffizielle, von einem älteren Beamten berichtet: Nach Schwierigkeiten im Gespräch mit seiner Frau in der überwachten Sprechstunde sei Lehmann durchgedreht und habe seine Zelle demoliert.

An jenem Heiligen Abend ward Lehmann eine Vergünstigung zuteil: Er durfte seinen Käfig mit einer anderen Zelle vertauschen. Er sei ein gewalttätiger Mensch, dem es Spaß mache, andere Gefangene und Beamte zu schikanieren, klagte der Leiter des Hauses. Man wüßte gar nicht, wie man mit ihm fertig werden solle. Er sei schon geschlagen worden, aber das scheine ihm nichts auszumachen, im Gegenteil, er habe offenbar Freude daran, geschlagen zu werden. Um ihn kleinzukriegen, habe man jetzt eine besondere Tür mit einer Klappe für ihn bestellt, man könne ihm so das Nötigste durchreichen und brauche ihn nicht mehr herauszulassen.

Am Tag, bevor er wieder in die Arrestzelle zurückgebracht werden sollte, machte der Gefangene seinen ersten Ausbruch aus Tegel. Und der Kreislauf begann: Er wurde wieder eingefangen, neue Hausstrafen, Arrestkäfig, Einkaufssperre: kein Kaffee, kein Tabak, neuer Ausbruch. Bei seiner neuen Festnahme bat er die Polizisten, ihn zu erschießen, sein Leben sei ohnehin verpfuscht.

In der kurzen Freiheit seines letzten Ausbruchs gab er ein Interview, er sei mißhandelt worden. Die Anstaltsleitung erklärte, ein Schlagstockeinsatz habe nicht stattgefunden.

Ein neuer Fall Klingelpütz? Sicherlich nicht. Er ist in Tegel nicht vorstellbar. In dem in vieler Hinsicht modernsten Gefängnis Deutschlands könnte ein ähnlicher Skandal nicht vertuscht werden. Zu viele ausgewählte anstaltsfremde Personen haben hier Zutritt. Und in den Redaktionszellen der vorerst einzigen deutschen unzensierten Gefangenenzeitung Lichtblick sind häufig Politiker und Journalisten unbeaufsichtigt zu Gast, auch der Petitionsausschuß tagte schon in der Anstalt und ließ sich von Redaktionsmitgliedern der Zeitung ohne Zeugen berichten.