Ein neusprachliches Gymnasium in der Bundeshauptstadt. Siebenhundert Schüler, fünfzig Lehrer. Im Neubau ist die Oberprima A mit vierzehn Schülern untergebracht. Was denken sie? Wie stehen sie zu langen Haaren, Schülerrevolte und all den anderen aktuellen Problemen? Sie sind – nicht die heutige Jugend, die Arbeit scheut, vergammelt ist, kifft oder politisches Bewußtsein hat.

Die Unruhen der letzten Jahre, das Aufwachen eines Teils der Jugend aus der Lethargie, haben dazu geführt, daß sich in der Bevölkerung ein Klischee herausgebildet hat. Doch dieses Bild von der heutigen Jugend ist ein Zerrbild. Ein Blick in den Alltag der vierzehn Oberprimaner, zwischen achtzehn und zwanzig Jahre alt, mag das beweisen. Zum Beispiel: Michael. Lange schwarze Haare. Er wiederholt die Klasse, beim letzten Versetzungstermin hat er’s nicht geschafft. Warum? Nicht, weil er zu häufig demonstriert hat statt zu lernen, nein, er ist total unpolitisch. Er weiß nicht, wie man lernt. Er versitzt seine Zeit vor Radio, Plattenspieler und Tonband, tauscht Platten, begeistert sich für den unpolitischen, konsumierbaren underground. Typisches Beispiel für einen Jugendlichen, der hoffnungslos dem verfallen ist, was Mode fordert – ohne es zu wissen. Er schließt sich nicht bewußt von den anderen ab, aber er steht allein. Er hat noch nie eine Freundin gehabt, nie sexuelle Beziehungen erlebt.

Eines der merkwürdigsten Phänomene: das Sexuelle. Nicht mehr als drei haben eine feste Freundin, die meisten haben noch nie ein Mädchen geküßt. Fakten, die man nicht so recht glauben will.

Anders als Michael: Andreas. Sohn eines Diplomaten, kurze Haare, nicht modisch gekleidet. Er will evangelischer Theologe werden und wird deshalb keineswegs verlacht. Er nimmt sich Freiheiten, die sich andere nicht nehmen können. Denn er lebt bewußt, er weiß zu unterscheiden zwischen wahrer und falscher Autorität. Kritisiert, wo es ihm notwendig erscheint, wägt ab: Lohnt es sich, wegen dieser Ungerechtigkeit Gegenmaßnahmen zu organisieren, oder hilft ein Gespräch mit dem betreffenden Studienrat nicht eher. Ihm bleibt wenig verborgen. Er weiß meist, wann sich ein Schüler in Not befindet, wann er Probleme hat, und er hilft ihm. Er hält nichts davon, einer politischen Partei beizutreten, er will im konkreten Fall versuchen, etwas zu verbessern. "Nicht für ein Prinzip die Menschlichkeit Opfern", sagt er.

Peter, der Klassensprecher, steht schon mit beiden Beinen im "Establishment". Er, Mitglied der FDP, ist den anderen um einiges voraus. Für ihn steht’s fest: Jurastudium, darunter je ein Semester in Lausanne und Cambridge, dann Volkswirtschaft und anschließend in die Wirtschaft. "Mit 35 will ich so viel verdienen, daß ich mir um meine Zukunft keine Sorgen zu machen brauche."

Helmut, sein politischer Gegner –, einer von fünfen in dieser Oberprima, mit denen man über Politik diskutieren kann, die wenigstens Zeitung lesen und bisweilen politische Magazinsendungen sehen – ist engagierter Jungsozialist. Die "Politiker" der Klasse liefern sich erregte Wortduelle über Eigentum und Sozialisierung. Doch sachliche Diskussionen sind selten, und sie langweilen den Rest der schweigenden, bequemen Mehrheit.

Das Bild von den linken Oberschülern bleibt Klischee. Ja, mehr noch. Es fehlt nicht nur die politische Agitation, eine Vorstellung, was es in unserer Gesellschaft zu ändern gäbe, es fehlt bei den meisten jegliches politisches Interesse. Das darf jedoch nicht zu den falschen Schlußfolgerungen verleiten, politisches Desinteresse sei gleichzusetzen mit Anfälligkeit für Faschismen. Ein Zug der Jugendlichen zum Faschismus läßt sich in dieser Klasse nicht bestätigen.