Bonns konjunkturpolitisches Orakel, der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung – kurz "Rat der fünf Weisen" genannt –, ist wieder komplett. Auf Vorschlag des Bundeswirtschaftsministers Karl Schiller empfahl das Kabinett Bundespräsident Heinemann den neuen fünften Mann: Armin Gutowski, Volkswirtschafts-Professor an der Universität Frankfurt.

Daß ausgerechnet die sonst diskretions-loyale Frankfurter Allgemeine Zeitung den Namen vorzeitig preisgab, wundert nicht. Gutowski, als Ordoliberaler eingestuft, ist Schüler von FAZ-Herausgeber Erich Welter aus Mainzer Zeiten.

Als Nachfolger des mit der Ernennung zum Saar-Wirtschaftsminister aus dem Rat geschiedenen CDU-nahen Bankiers Manfred Schäfer hat Gutowski, so der Sachverständigen-Kontaktmann im Bundeswirtschaftsministerium Dr. Georg Grimm, die richtigen Eigenschaften:

Sein Denkschema kann als "unternehmernahe" gelten; als wissenschaftlicher Berater der Kreditanstalt für Wiederaufbau (in dieser Position Nachfolger von Karl Schillers Kreditexperten Wilhelm Hankel) ist er genügend mit der Praxis verbunden; schließlich wird er sich als Wissenschaftler leicht in das nunmehr ausschließlich mit Professoren besetzte Gutachterteam einordnen. Außerdem wird Gutowski vom Rats-Vorsitzenden Klothen favorisiert, der seinerzeit Ex-Bundeskanzler Kurt Georg Kiesingers Wohlwollen die Mitgliedschaft im Rat verdankt.

Freilich, wenn der Rat, wie das Gesetz es vorsieht, am 15. November der Bundesregierung sein neuestes Jahresgutachten vorlegt – die Öffentlichkeit dürfte Anfang Dezember informiert werden –, wird der Neuling noch nicht mit von der Partie sein. Erneut wird sich an der Zahl der Unterschriften die Crux ablesen lassen, an der die "Weisen" in den letzten Jahren tragen: Seit 1968 signierten jeweils immer nur vier der fünf vorgesehenen Prognostiker das Papier. Und zuweilen war ein Kommen und Gehen im Sachverständigenrat wie in einem Taubenschlag.

In den ersten Jahren seit Einsetzung der Institution des Rates am 28. Februar 1964 lief alles glatt. Fritz W. Meyer, Dr. Paul Binder, Dr. Harald Koch, Professor Dr. Herbert Giersch und Professor Dr. Wilhelm Bauer lieferten fristgerecht und vollzählig. Nur etwa einen Monat fehlte 1966 der fünfte Mann, als Meyer am 7. Januar ausschied und Professor Wolfgang Stützel am 15. Februar hinzukam. Planmäßig wechselte auch Dr. Manfred Schäfer am 1. März auf den Platz von Dr. Binder.

Stützels Abgang am 19. September 1968 allerdings war laut. Mit dem Vorwurf, seine Kollegen hätten sich "rechtswidrig" verhalten, protestierte der Saarbrücker Professor durch seinen Rücktritt dagegen, daß die Mehrheit ihn an der Abgabe eines Minderheitsvotums zum Thema Aufwertung gehindert habe. Denn, so bestimmt das Gesetz über die Bildung des Sachverständigenrates in Paragraph 3 Absatz 2: "Vertritt eine Minderheit bei der Abfassung der Gutachten zu einzelnen Fragen eine abweichende Auffassung, so hat sie die Möglichkeit, diese in den Gutachten zum Ausdruck bringen."