Von Ernst Nef

Die gefühlsseligen Schäfer und Schäferinnen, die in Salomon Gessners "Idyllen" auftreten, hat es nie gegeben, aber man glaubte einst wenigstens an ihre Möglichkeit. Den Traum vom einfachen Leben träumten damals die Fortschrittlicheren. Das ist heute anders. "Idyllen", als Titel eines Buchs aus einem Verlag, der Konrad Famer, Heißenbüttel und Grass herausgibt, kann heute jedenfalls schon kaum mehr als hintergründig bezeichnet werden – wer wüßte denn nicht gleich, wie das gemeint ist? Doch Franz Hohler erfüllt diese klischierte Erwartung, hinter einem solchen Titel müsse sich besonders Böses vemergen, nicht recht – Franz Hohler: "Idyllen"; Hermann Luchterhand Verlag, Neuwied und Berlin; 115 S., 9,80 DM.

Der siebenundzwanzigjährige Schweizer Autor, ein studierter Germanist, arbeitet hauptsächlich, obwohl "Idyllen" bereits sein zweites Buch ist, als Einmann-Kabarettist. Sprachgewandt, mit seinem Cello und zahlreichen Requisiten hat er einen eigenen, leisen, nuancenreichen Einmann-Kabarettstil entwickelt. Literatur und Kabarett lassen sich da nicht säuberlich trennen. Auch in diesen "Idyllen" nicht; so anspruchsvoll ist sein Kabarettstil.

Mit seinem Programm befindet sich Hohler sehr häufig auf Reisen. Einen Großteil der Orte, die er in den "Idyllen" drannimmt, lernte er so kennen. Achtundzwanzig sind es, für jeden Buchstaben des Alphabets einer, von "Aarespaziergang" bis "Zuzgen"; dazu kommen "3 Ersatzidyllen" zum "Überkleben"; alles wirklich existierende Orte, und es handelt sich auch durchaus um "dokumentarische", um inventarische Beschreibungen.

Inventur freilich aus unverhohlen privater Sicht und unter offensichtlichem Verzicht auf Vollständigkeit. So steht unter "Koblenz" lediglich: "In Koblenz fließen Rhein und Mosel zusammen. Die Stelle heißt ‚Deutsches Eck‘ und wird von einem unglaublich häßlichen Bunker dominiert, auf dem die Worte stehen: ‚Nimner wird das Reich zerstöret, / wenn ihr einig seid und treu.‘ Auf dem Bunker stand vormals eine Reiterstatue, die aber inzwischen zerstöret wurde."

Hohler hat einen guten Sinn für darstellerische Ökonomie – da kommt ihm der Kabarettist zugut. Kein Wort zuviel, die Pointe wird nicht überzogen, im richtigen Moment weiß er aufzuhören.

"Es ist eigentlich alles erzählenswert", schreibt Hohler einmal in dem Buch. Und nach diesem Prinzip erzählt er; obwohl er, statt die Orte in seinen Beschreibungen aus einem Guß erscheinen zu lassen, stets disparate Einzelheiten nebeneinandersetzt; er subsumiert auch nicht unter zusammenfassende Urteile. Unvollständigkeit ist hier Stilprinzip. Eben weil alles erzählenswert ist, darf das nun einmal zum Erzählen Ausgewählte nicht als das Ganze erscheinen. Moderner Erzählstil, auf die Beschreibung tatsächlicher Ortschaften angewandt.