Das Grusical vom bösen Monopolisten

Dichtung und Wahrheit über den Kapitalismus: . Wenn Literaten über Wirtschaft schreiben, sind Emotionen meist wichtiger als Fakten

Dichter haben es schwer. Im Fernsehen klagte kürzlich ein Schriftsteller, er habe seit langem nichts mehr produzieren können, weil er krank sei. Er leide an der politischen Entwicklung in der Bundesrepublik.

Mit ihm leidet so mancher andere Literat an diesem Staat und am Kapitalismus. Doch nicht bei allen lähmt das Leiden auch die Schaffenskraft – im .Gegenteil.

Doch es sind weniger schöngeistige Werke, die dabei entstehen, sondern gepfefferte politische Pamphlete. Zu den Kampfschriften wider den Kapitalismus gehören auch die Kursbücher, für deren Inhalt Hans Magnus Enzensberger verantwortlich zeichnet.

Das neueste Kursbuch – das 21. der in loser Folge erscheinenden Reihe – ist dem Kapitalismus in der Bundesrepublik gewidmet. Der negative Held des Buches ist der ominöse Monopolkapitalist, eine Figur, die durch alle Beiträge des Kursbuches geistert. Er ist die – jedem Marxisten vertraute – schmutzige und verabscheuungswürdige Ausgeburt eines abgrundschlechten Wirtschaftssystems.

Der Monopolkapitalist ist allerdings auch eine außerordentlich nützliche und vielseitige Figur, auf die ein engagierter Linker wohl kaum noch verzichten möchte. Man kann ihn nämlich praktisch für alle Übel der Welt verantwortlich machen. Wo auch immer Krieg und Not, Ausbeutung und Unrecht herrschen, überall entdeckt das Auge des geschulten Marxisten flugs den Monopolkapitalisten als den geheimen Drahtzieher im Hintergrund.

Für Enzensberger und seine Freunde spielt der Monopolkapitalist offenbar die Rolle, die in der Gespensterwelt unserer mittelalterlichen Vorfahren Beelzebub inne hätte. Da man die modernen kapitalistischen Teufel aber nicht am Pferdefuß oder am Schwefelgeruch erkennen kann – was natürlich sehr nützlich und anschaulich wäre –, sind engagierte linke Dichter seit Jahren eifrig bemüht, sie in allen Bereichen von Wirtschaft und Gesellschaft aufzuspüren und zu entlarven.

Das Grusical vom bösen Monopolisten

Monopolkapitalismus ist übrigens in marxistischer Sicht das letzte und höchste Stadium des Kapitalismus. Es ist durch die Herrschaft der Monopole über Wirtschaft und Staat gekennzeichnet. Monopolkapitalisten wären demnach Leute, die das Kapital von Unternehmen besitzen, die ganze Märkte und Branchen beherrschen und den Kunden, rücksichtslos ihren Willen aufzwingen können.

Um nun seinen Lesern so recht deutlich zu machen, wie allgegenwärtig und mächtig die Monopole in der Bundesrepublik schon sind, legte Enzensberger seinem jüngsten Werk einen sogenannten Kursbogen bei. Auf der nach Playboy-Manier ausklappbaren Tafel wollte er einen Überblick über die Verflechtung der wichtigsten deutschen Kapitalgesellschaften geben.

Leider hat er dabei ausgerechnet das größte deutsche Unternehmen, die Volkswagen AG, vergessen. Statt eine Firma wie Klöckner & Co. wegzulassen, hätte man eher auf die Oetker- oder Quandt-Gruppe verzichten können, die zudem gar keine echte Kapitalgesellschaft sind. Im übrigen suggeriert Enzensberger durch die Farbwahl Konzernzusammenhänge, die gar nicht bestehen. So sind beispielsweise die drei großen Chemiekonzerne Bayer, BASF und Hoechst sowie Mannesmann und die Metallgesellschaft jeweils in der gleichen Farbe dargestellt.

Bei den Chemieunternehmen sind zudem einige Verbindungslinien schlicht falsch. In Wirklichkeit bestehen nämlich – von einer einzigen Ausnahme abgesehen – überhaupt keine kapitalmäßigen Verflechtungen zwischen ihnen. Die drei Unternehmen haben nämlich schon vor einiger Zeit ihre letzten gemeinsamen Beteiligungen gelöst.

Sucht man nach Monopolen; so wird man ebenfalls bitter enttäuscht. Wo sind die Märkte, die von den aufgeführten Unternehmen fest in ihrem Würgegriff gehalten werden? Auf welchen wichtigen Gebieten machen sie sich nicht untereinander Konkurrenz oder müssen mit mächtigen Wettbewerbern rechnen, die jenseits der deutschen Grenze beheimatet sind?

Wenn man nicht die Melitta-Kaffeefilter oder einen Mann namens Körber zitiert, der in Hamburg nahezu konkurrenzlos Maschinen zur Herstellung von Filterzigaretten baut, dann fällt es ziemlich schwer, echte Monopole zu entdecken.

Und wem gehören die Großunternehmen? Weder VW noch die drei Chemieriesen, weder Mannesmann noch die Großbanken oder das RWE sind im Besitz eines Monopolkapitalisten. Die Aktien dieser Konzerne liegen in den Händen von Kleinaktionären, deren Zahl oft größer ist als die der Arbeitnehmer dieser Unternehmen.

Das Grusical vom bösen Monopolisten

Nur bei den Firmengruppen, die sich im Besitz von Quandt, Flick oder Oetker befinden, kann man sagen, daß sie von einem Mann kontrolliert werden. Monopole haben aber auch diese Firmen nicht.

Bei näherem Hinsehen löst sich also die Figur des Monopolkapitalisten in Nebel auf.

Gewiß, man soll den Dichtern ihre dichterische Freiheit lassen. Aber sie selber und diejenigen, die ihnen ebenso ergriffen lauschen, als handele es sich um eine Dichterlesung alten Stils, scheinen von der Annahme auszugehen, daß bedeutende Leistungen auf dem Felde, von Literatur und Philosophie auch dazu befähigen, sich sachverständig zu wirtschaftlichen und sozialen Fragen zu äußern.

Doch wer den Sonnenuntergang in gebundener oder ungebundener Spracheergreifend zu schildern Weiß, muß nicht auch unbedingt den Untergang unserer Wirtschaftsordnung exakt vorhersagen können.

Statt des Blickes für wirtschaftliche Zusammenhänge sind es allzu häufig nur Emotionen, die den politisch engagierten Literaten zur Feder greifen lassen. Es könnte nichts schaden, wenn das Engagement gelegentlich auch von einer gewissen Bescheidenheit und Selbstkritik begleitet würde. Auch ein Dichter sollte es sich drei-, mal überlegen, ehe er zum gewaltsamen Umsturz einer Welt aufruft, die er gar nicht richtig begreift.