Israels Verteidigungsminister Moshe Dayan hat viele Gesichter. Einmal tritt er als "Falke" auf, ein anderes Mal als "Taube". Doch die Rätsel, die er aufgibt, wenn er unerwartete Überlegungen verkündet, lösen sich meist auf. Sie bestätigen dann, daß er keine Winkelzüge macht, sondern eine klare politische Linie verfolgt.

So wurde bald deutlich, warum er Anfang September unter Androhung seines Rücktritts den Boykott der ägyptisch-israelischen Gesprächsrunde forderte: Washington sollte gezwungen werden, Verletzungen der Waffenstillstandsvereinbarungen durch Kairo zuzugeben und Israel zur Aufrechterhaltung des militärischen Gleichgewichts zusätzlich Waffen zu liefern. Dayans Parforce-Politik hatte Erfolg. Ägypten wurde vor aller Welt als Störenfried hingestellt, Israel erhielt außer einem Kredit in Höhe von 1,7 Milliarden Mark Panzer, Raketen, Geschütze und Phantom-Jäger.

Als dann die Amerikaner die Regierung in Jerusalem drängten, die indirekten Gespräche mit den Ägyptern unter Vermittlung des UN-Botschafters Jarring wiederaufzunehmen, verzögerte Dayan eine Entscheidung mit der Forderung, zuerst müßten die von Kairo widerrechtlich in die Waffenstillstandszone verlegten Raketen wieder abgezogen werden. Auch diesmal lag der Grund für diese Hinhaltetaktik auf der Hand: Der Ausbau der israelischen Verteidigungsstellungen am Kanal war noch nicht abgeschlossen.

Jetzt hat der Minister zur Überraschung auch des Kabinetts für die bedingungslose Fortsetzung der Jarring-Gespräche plädiert. Er ist den anderen, auch seinen Ministerkollegen, stets um einige Schritte voraus. Die Dementis, die er seinem jüngsten Vorstoß folgen ließ, und das Zögern der Regierung, seinem Kurswechsel sogleich zuzustimmen, werden an dem Grundkonzept nichts ändern: Israel wird sich an der neuen Verhandlungsrunde beteiligen. Denn wie Ägypten kann es nun erneut von einer Position der Stärke die Debatte um eine Lösung des Konflikts aufnehmen. Mit Washingtons Hilfe ist das militärische Potential wieder ausbalanciert.

Dieses Potential war seit dem 7. August, dem ersten Tag der Feuerpause, von den Ägyptern Zug um Zug zu ihren Gunsten verändert worden. Waren damals in der 50 Kilometer breiten Waffenstillstandszone 16 Raketenbatterien mit hundert Luftabwehrgeschossen installiert, so waren es drei Monate später – nach Ablauf der ersten Feuerpausenfrist – bereits 50 Batterien mit 300 Raketen, die meisten von ihnen in einem Streifen rund 30 Kilometer vom Kanal entfernt. Zehn SAM-3-Stellungen, die gegen tieffliegende Phantom-Jäger aufgebaut wurden, sind ausschließlich mit sowjetischen Raketensoldaten besetzt, mit insgesamt 2000 Mann; im Gegensatz zu den SAM-2-Basen überläßt Moskau diese Anlagen mit den in ihrer Wirkung bisher noch unerprobten Raketen nicht ägyptischem Bedienungspersonal – vielleicht auch aus Furcht vor einem israelischen Kommandounternehmen.

Gefährlicher als diese Waffe, die Luftangriffe auf das ägyptische Hinterland vereiteln sollen, sind für die israelische Armee am Kanal die sowjetischen 203-Millimeter-Geschütze; es sind die größten Kanonen, die von den Sowjets hergestellt werden. Ihre 100 Kilogramm schweren Granaten haben eine Reichweite von 32 Kilometern und eine enorme Durchschlagskraft. Um sich wirksam dagegen zu schützen, mußte das israelische Bunkersystem in der letzten Woche stärker betoniert und alle Versorgungspositionen unter den Wüstensand gelegt werden. Zur Abwehr einer großangelegten ägyptischen Invasion über den Kanal wurde zusätzlich eine zweite Verteidigungslinie im Sinai aufgebaut.

Wenn es zur Fortsetzung des Zermürbungskrieges kommen sollte, wird er nach Dayans Rechnung nur an der Suezfront geführt werden. Am Jordan droht nach wie vor Israel keine Gefahr. Zur Zeit ist der Minister für beides gewappnet: für eine militärische Auseinandersetzung wie für einen friedlichen Schlagabtausch. Dayan ist sogar sicher, daß das Ende des Krieges begonnen habe. Es wäre, ginge auch diese Rechnung auf, der Anfang einer unbefristeten Waffenruhe. Denn vom Frieden redet Moshe Dayan trotz allem nicht. Dietrich Strothmann