Da die Bonner Regierungskoalition dank der Hessenwahl nun wieder fest im Sattel sitzt, kann man wohl damit rechnen, daß die SED-Führung das innerdeutsche Gespräch wieder aufnehmen wird, das die Abgesandten Ulbrichts neulich so übereifrig angekündigt haben. Offenbar hatte Ulbricht gehofft, die Regierung Brandt werde ins Wackeln geraten und er damit um den leidigen Gedankenaustausch mit der Bundesrepublik herumkommen – anders ist nicht zu erklären, wieso seit zwei Wochen keine Nachricht aus Ostberlin kam, obgleich sie Professor Bertsch für die nächsten Tage in Aussicht stellte.

Die Rat- und Planlosigkeit in Ostberlin ist groß. Alles geht schief. Die Forderung, vor einer Wiederaufnahme innerdeutscher Gespräche müsse Bonn die DDR völkerrechtlich anerkennen, ist längst erdrückt worden von dem sowjetischen Wunsch, die Ratifizierung des Moskauer Vertrages voranzutreiben. Und die umgekehrte Hallstein-Doktrin – "Kein sozialistisches Land darf diplomatische Beziehungen zu Bonn aufnehmen, ehe Bonn nicht die DDR anerkannt hat" – diese Doktrin, die in einem kunstvoll geknüpften Netz bilateraler Verträge fest eingesponnen schien, wird voraussichtlich demnächst durch einen Botschafteraustausch zwischen Warschau und Bonn überholt werden.

Nun konzentriert die SED allen Starrsinn auf den Status von Westberlin: "Es gibt nur die Hauptstadt der DDR Berlin und die selbständige politische Einheit Westberlin, die inmitten des Territoriums und auf dem Territorium der DDR liegt", schrieb das Neue Deutschland am vergangenen Freitag.

Merkwürdig, daß die SED-Führung sich immer wieder Forderungen ausdenkt, die nicht durchsetzbar sind. Die Feststellung, "Westberlin ist nicht Teil der Bundesrepublik", könnte viel eher Ausgangspunkt für Gespräche sein. D.