Von Dietrich Strothmann

Es begann, mit einem Appell: "Kommen auch Sie – Es geht um alles – Das ganze Deutschland soll es sein!" So stand es rot gedruckt am 30. Oktober auf der letzten Seite der Deutschen Nachrichten, dem Hausblatt der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands.

Es endete mit einem Geschrei ohne Beispiel: "Willy Brandt an die Wand – Hängt die Verräter – Deutschland wird nicht verschenkt, eher wird Willy Brandt gehenkt – Seit Moskau wissen wir’s genau, Brandt ist die Verrätersau!" So erscholl es acht Tage nach dem Aufruf in der Würzburger Frankenhalle und bei einem verbotenen Fackelzug durch die Mainstadt.

Es geschah während der "1. Großkundgebung des deutschen Widerstandes", die von den Initiatoren später das "Fanal von Würzburg" genannt wurde, der "Aufstand des Gewissens". Auf die Fragen, die das Würzburger Spektakel aufgeworfen hat, gibt es noch keine Antworten:

Wird sich der CSU-Chef Franz Josef Strauß, der sein Fehlen mit einer windelweichen Erklärung entschuldigen ließ, von der Aktion distanzieren? Wird der Anführer der Nationalliberalen, Siegfried Zoglmann, der sein Fernbleiben per Telegramm mit einer "Auslandsreise" begründete, die Demonstration verurteilen? Stehen hinter diesem "Aufstand" außer der NPD und anderen rechtsradikalen Gruppen auch die Nationalliberale Aktion und die CSU-Freundeskreise? Wurde der Berliner Krankenpfleger Ekkehard Weil, der wenige Tage nach dem Würzburger Aufmarsch einen sowjetischen Wachsoldaten am Ehrenmal im Tiergarten anschoß, von dem Widerstandsgeschrei zu seiner Tat ermutigt? Es bleibt auch abzuwarten, ob ein neues Treffen dieser neuen Aktion in einer anderen Stadt zugelassen wird, ob sich die Polizei noch einmal so gleichgültig verhalten kann und ob nicht gegen die "Hängt-ihn-auf"-Rufer gemäß Paragraph III des Strafgesetzbuches Anklage erhoben werden muß. Das alles bleibt vorläufig noch ungeklärt.

Bekannt ist dagegen, was in Würzburg geschah und wer den Aufstand der Gewissenlosen zu verantworten hat. In dem Aufruf der "Aktion Widerstand" hieß es: "Wer denkt noch an das ganze Deutschland und seine Zukunft? – Wir tun es!" Es wurde die Frage gestellt: "Sollen wir eine rechts- und verfassungswidrige und in der Tendenz probolschewistische Parteienpolitik schweigend hinnehmen? Deutsche Demokraten sagen nein!" Es wurde, verlangt: "Widerstand gegen die selbstmörderische Zerstörung der deutschen Nation und des Lebensrechts unseres Volkes ist das Gebot der Stunde." Es wurde aufgerufen zum Widerstand "gegen die Politik des Ausverkaufs und der Unterwerfung wie gegen die schleichende marxistische Revolution in unserem öffentlichen Leben".

In der Würzburger Frankenhalle, vor 4000 alten und jungen Rechtsprotestanten, forderten dann die Redner: "Willy Brandt, alias Frahm, alias Flamme, alias Martin, muß weg. Geben wir ihm auf Staatskosten einen Freifahrtschein, meinetwegen nach Norwegen!" – "Wir versprechen an dieser Stelle, daß der Gegner von diesem Tag an nichts mehr zu lachen haben wird." In einem "Manifest" hieß es: "Deshalb rufen wir die schweigende Mehrheit unseres Volkes auf gegen seine Feinde und Zerstörer im Innern. Wir stehen für Deutschland – Gott helfe uns!" In dem Bericht der Deutschen Nachrichten war danach zu lesen: Es sei eine "machtvolle Demonstration der nationalen Selbstbehauptung des deutschen Volkes" gewesen, ein "erhebender Tag", ein "großer Tag der nationalen Rechten". In seinem Pressedienst schrieb der frühere Vertriebenenrepräsentant Linus Kather: "Diese Kundgebung war unbestreitbar ein Akt berechtigter Notwehr"; die Hetzparolen bezeichnete er als "jugendliche Eseleien".