Von Wanda Bronska-Pampuch

Nur selten verläßt einen bei der Lektüre dieses meines Wissens ersten ins Deutsche übersetzten zeitgenössischen ukrainischen Roman; das Gefühl, sich sozusagen in einem Sonntagsland zu bewegen. Alles, was gesagt, wird, ist bedeutungsvoll und feierlich, die Menschen sind eindeutig böse oder – und das ist. meistens der Fall – eindeutig gut. Früher hätte man sie "die Gerechten" genannt, heißt es an einer Stelle, heute sage man "echte Werktätige". Dabei handelt dieses Buch –

Olesj Hontschar: "Der Dom von Satschipljanka", aus dem Ukrainischen von Elisabeth Kottmeier und Eaghor G. Kostetcky; Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg; 407 S., 24,– DM

scheinbar von ganz normalen und alltäglichen Menschen. Von einer Viehmagd, die aus der benachbarten Kolchose zum Onkel in das kleine Industriestädtchen Satschipljanka flieht, wer ihr Vorarbeiter sie mißbrauchte und die Weiber im Dorf ihr zusetzten, von einem sympathischen Studenten, von jungen und alten, schon im Ruhestand lebenden Metallarbeitern und von einem Parteibürokraten.

Der in seiner Heimat viel gelesene Autor Olesj Hontschar, Lenin-Preisträger und Vorsitzender des Ukrainischen Schriftstellerverbandes, läßt sie allerdings wenig alltäglich vorgehen. So will es einem nicht einleuchten, warum der sonst sture Parteimensch ausgerechnet die flüchtige Viehmagd zu heiraten wünscht, die ohne gültige Papiere aus dem Dorf kam. (Es ist den Dorfbewohnern in der Sowjetunion verboten, ihren Aufenthaltsort willkürlich zu wechseln.) Hat er keine anderen Möglichkeiten? Und warum schlägt er ein solches Tempo an – nur weil er einen schlechten Charakter hat? Wenn es so ist – dann müßte es doch eigentlich klappen, rücksichtslose Funktionäre kommen meist zum Ziel? Hier aber gelingt es dem Studenten, die Verlobung zum Platzen zu bringen – er holt das Kolchosmädchen von ihrem Ehrenplatz am gedeckten Tisch des Onkels, der gerade das große Ereignis ankündigen will. Das junge Paar geht zusammen an den Dnjepr und auf die Wiesen, und das Städtchen gibt ihm seinen Segen.

Warum sich der Student in das völlig ungebildete Dorfmädchen verliebt, ist übrigens auch nicht ersichtlich. Es wäre folgerichtiger und entspräche der Situation in der sowjetischen Gesellschaft weit mehr, wenn er zu einer seiner Kommilitoninnen in Liebe entbrannt wäre. Der Freund, mit dem der Student über Projekte zur Säuberung der Luft und über die Notwendigkeit der Erhaltung historischer Denkmäler diskutiert, ist ein hochqualifizierter Arbeiter. Hontschar will die Einheit aller Volksschichten angesichts eines besonderen Problems andeuten. Es ist das Problem, wie man den Menschen, über die die Industrialisierung hereinbrach, den gestrigen Dörflern, die heute an den Hohöfen stehen, den Metallarbeitern, deren Arbeitsbedingungen sich über Nacht verändern, den verlorenen Kontakt zu ihrer kulturellen Vergangenheit wiedergibt, wie man ihnen hilft, ihren Platz in der Kulturgeschichte des Landes wiederzufinden, sie lehrt, das Gestern zu verstehen, damit ihnen das Heute begreiflicher und das Morgen vielschichtiger erscheint.

Zum Symbol des Geschichtsbewußtseins hat der Autor den Dom von Satschipljanka gewählt. Ein herrliches Bauwerk, das ein ukrainischer Architekt im achtzehnten Jahrhundert im Auftrag der Kosaken und zu ihrem Ruhm geschaffen hat. Mit seinen Barocktürmen fügt sich der Dom ganz in die ihn umgebende Landschaft ein, er beherrscht die Sicht und ist das Wahrzeichen nicht nur des Städtchens, sondern auch aller umliegenden Dörfer. Ramponiert, aber nicht zerstört, ging er aus den Kriegen hervor, ein Denkmal der Vergangenheit, die sie alle verbindet, ein Bestandteil dieses Landstrichs, aus dem ihn sich niemand fortdenken kann. Für die Mehrzahl der Ortsbewohner gehört der Dom einfach dazu, obwohl sie keinerlei religiöse Gefühle mit ihm verbinden. Es wird dort seit langem kein Gottesdienst mehr abgehalten – eine ganze Generation kennt ihn nur als Getreidespeicher. Niemand macht sich Gedanken darüber.