Von Marianne Kesting

Samuel Becketts zweiter Roman "Watt" wurde unter prekären – politischen Verhältnissen geschrieben. In den Jahren 1942/44 war Beckett mit seiner Frau vor der Gestapo in das Department Vaucluse geflüchtet und verdiente dort sein Geld als Landarbeiter. Nichts von diesen Umständen seiner Entstehung ist in den Roman eingeflossen; vielmehr wurde er unter ganz bewußter Ausklammerung der aktuellen Ereignisse konzipiert –

Samuel Beckett: "Watt", aus dem Englischen von Elmar Tophoven; Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 350 S., 24,– DM.

Der Suhrkamp Verlag kündigt seines größten lebenden Autors frühes Werk vorbeugend als sein "komischstes Buch" an. Nun, Komik enthält, auf der Folie einer großen Verneinung – und Melancholie, Becketts "Krapp" und "Godot" – und was immer, er geschrieben hat. Beckett wird überhaupt als einer der großen Humoristen in die Literatur eingehen – aber als einer im Sinne von Pirandellos "Umorismo"-Abhandlung, worin Prometheus, angesichts der winzigen und unbedeutenden Erde im Weltall, angesichts der Erkenntnis, daß er mit Hilfe seiner Fackel Jupiter selber an den Himmel projiziert hat, in Gelichter ausbricht. Es ist kein fröhliches Gelächter.

Von – dieser Art umorismo ist; auch Becketts Werk getragen, aber während Pirandello als künstlerisches Mittel des umorismo das Groteske benutzt, tendiert Beckett zum Clownesken. Gleich der erste Auftritt "Watts" zum Beispiel ist ein Slapstick. –

Er hat sein kleines Vorspiel. Ein paar höchst bürgerliche Figuren sitzen auf einer Vorstadtbank und unterhalten sich unter anderem über Watt. Man hört das empörte Schimpfen eines Straßenbahnschaffners; der Straßenbahn entsteigt Watt und bleibt als einsame und regiöse Gestalt in der Dämmerung zurück.

Sein Auftritt ist clownesk, aber doch bricht mit Watt das Rätsel in die Bürgerwelt ein, tremendum et fascinans. Der Name Watt ist, wenn man Hugh Kenner glauben darf, von "what" abgeleitet. Ich halte das für sehr wahrscheinlich. Denn der ganze Roman kreist um die Frage, wer oder was Watt ist, der keine Bleibe, keine Adresse, der überhaupt keine Personalien hat, wie ein Paket aussieht, der "nicht Mond noch Sonne", "nicht Erde noch Himmel" mag. Einige Stellen des Romans spielen darauf an, daß er nicht nur ein clownesk-tragischer Außenseiter, sondern auch ein demolierter Christus ist, von dem nur wenige Eigenschaften übrig geblieben sind: die stumme Passion, die Verweigerung der Umwelt gegenüber. "Er würde, tatsächlich die andere Wange hinhalten ..., wenn er nur die Kraft dazu hätte", sagt Mr. Nixon. Und später, da Watt mit blutigem Gesicht und Dornen im Haupt auftritt, wird er sogar ausdrücklich mit dem Bosch’schen Christus verglichen.