Von Hellmuth Karasek

Als 1931 in Berlin Ödön von Horváths "Geschichten aus dem Wienerwald" uraufgeführt wurden, schrieb Herbert Ihering über das später erfolgreichste und bekannteste Werk des österreichischen Dramatikers die folgenden vernichtenden Sätze: "Das ist der Fluch der tausend Worte Wien, wie sie die Theater- und Filmeschreiber verstanden haben, daß auch die Leute, die die Verlogenheit durchschauen, noch von ihr abhängig, noch von ihr beeinflußt werden. Auf den Kitsch von rechts folgt der Kitsch von links, auf den süßen Kitsch der saure Kitsch."

Daß Horváth gerade von dem Kritiker, der Brecht entdeckte und verteidigte, mißverstanden wurde, mutet wie ein Treppenwitz der Theatergeschichte an, wenn man sich vor Augen hält, daß Peter Handke, als er vor einigen Jahren seinen Unmut über Brecht äußerte, betonte, ihm erschiene Horváth als der viel wesentlichere Dramatiker jener Jahre.

Handkes begeisterte Horváth-Konfession, eine ganze Reihe gewichtiger Horväth-Aufführungen (vor allem Hans Hollmanns "Italienische Nacht" und "Kasimir und Karoline") in den letzten Jahren, die Zuwendung junger Autoren wie Martin Sperr oder Rainer W. Fassbinder zum "Volksstück" Horváthscher Prägung haben für den 1901 in Fiume (dem heutigen Rijeka) geborenen Autor, der in der Pariser Emigration im Jahre 1938 auf gespenstische Weise ums Leben kam (er wurde von dem herabstürzenden Ast eines Kastanienbaumes erschlagen), eine Renaissance eingeleitet, die seine Stücke neben denen Brechts für die bisher wichtigsten deutschsprachigen Stücke dieses Jahrhunderts erachtet.

Indiz dieser Wertschätzung sind jetzt auch die "Gesammelten Werke", die in vier Bänden im Suhrkamp Verlag, herausgegeben von Dieter Hildebrandt, Walter Haider und Traugott Krischke erscheinen und die erstmals das verstreute Gesamtwerk, das in Westberlin archiviert ist, versammeln – wenn auch mit etwas spärlichem Anmerkungsapparat. Der erste Band dieser Ausgabe –

Ödön von Horváth: "Gesammelte Werke", Band I, Volksstücke und Schauspiele; Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 656 S., 40,– DM

– liegt jetzt vor; die beiden nächsten Bände sollen im Frühjahr erscheinen; der letzte Band, der "Entwürfe, Varianten, Exposés" enthalten wird, im nächsten Herbst.