Im Achtelfinale des Europapokals der Landesmeister verschenkte Borussia Mönchengladbach zu Hause den Sieg über den englischen Meister Everton – 1:1. Beim Rückspiel in Liverpool (Everton ist ein Stadtbezirk) schien die Sache gelaufen, als Torwart Kleff einen Ball (oder seine Verteidiger) falsch einschätzte und ein Tor zulassen mußte, das ein mittlerer Amateurtorwart hätte verhindern können – 1:0 für Everton.

Der gleiche Kleff jedoch wuchs in den nächsten 119 Minuten empor zum Helden von Liverpool. Nachdem Laumen auf Freistoß von Netzer zum 1:1 eingedrückt hatte, hielt Kleff, ein Akrobat mit dem Mut eines Boxers und der Reaktionsgeschwindigkeit eines Rennfahrers, einfach alles.

So stand es am Ende, auch nach zweimal fünfzehn Minuten Verlängerung, noch immer 1:1. Beide Mannschaften waren also nicht nur punktgleich, sondern dazu torgleich auch dann, wenn – wie jetzt in diesen Pokalwettbewerben – Auswärtstore doppelt gezählt werden.

Im gleichen Liverpool war vor fünf Jahren der 1. FC Köln in der gleichen Lage gewesen. Damals entschied noch das Los. Es entschied gegen Köln, und Hunderttausende von Fernsehzuschauern, vor allem in Deutschland, waren empört: Wie kann man nur der launischen Fortuna Entscheidungsrecht einräumen über langen Männerkampf!

Der Internationale Verband änderte die Regeln: Fünf Strafstöße ("Elfmeter") von verschiedenen Spielern auf das Tor des Gegners getreten, sollen zunächst das Spiel entscheiden. In Liverpool wurde aus dieser Notlösung für einen unwahrscheinlichen Fall zum erstenmal Wirklichkeit. Mönchengladbachs Spieler verwandelten von diesen fünf Elfmetern drei, Evertons vier – Everton hatte gewonnen. Und Hunderttausende von Fernsehzuschauern, vor allem in Deutschland, waren empört: Wie kann man nur eine solche Quälerei zulassen!

Denn eine Quälerei ist es, wenn plötzlich aus einem sehr guten Orchester sechs heraustreten müssen und ein Solo spielen: der Torwart und die fünf Elfmeterschützen.

Und der Torwart – Handke hat das in seinem berühmten Buch wenigstens für diese Situation falsch gesehen – braucht dabei weniger Angst zu haben als die Elfmeterschützen.