Denn – und das ist die größte Regelschwäche eines Spiels, das seine große Popularität vor allem seinen sonst so vernünftigen und einsichtigen Regeln verdankt – ein Elfmeter ist theoretisch unhaltbar. Mit etwa 70 km/h kommt der Ball im Tor an. Von dem Augenblick an, wo der Torwart seine Richtung erkennen kann, bis zum Einschlag ins Tor vergeht erheblich weniger als eine halbe Sekunde. Sportmedizinische Tests haben ergeben, daß auch der reaktionsschnellste Mensch ungefähr eine Zehntelsekunde braucht, um neurophysiologisch, dazu noch fast die gleiche Zeit, um motorisch zu reagieren. Nach etwa zwei Zehntelsekunden kann der Torwart aber erst ansetzen zu einem Sprung, der seinerseits noch einmal mindestens zwei bis drei Zehntelsekunden dauert.

Es gibt daher nur zwei Möglichkeiten, daß aus einem Elfmeter kein Tor wird: Entweder der Torwart antizipiert die Flugrichtung des Balles, setzt also seine eigene Aktion an die Stelle der Reaktion – die Chancen einer richtig antizipierenden Aktion sind etwa 1:6. Oder der Schütze macht einen Fehler, schießt den Ball nicht mit der nötigen Wucht oder trifft ihn nicht an der richtigen Stelle.

Dem Torwart, der eine 1:6-Chance hat, kann eigentlich niemand Vorwürfe machen. Alle Vorwürfe richten sich auf den Schützen, von dem erwartet wird, daß er wuchtig und zielsicher genug trifft – was ja, wie Erfahrung lehrt, bei Professionals auch in drei von vier Fällen gelingt.

Wenn es gelänge, allgemein klarzumachen, daß den Schützen, der – erschöpft vom 120-Minutenkampf – einen Elfmeter "vergibt", kein Vorwurf treffen kann, dann (aber nur dann) wäre die Elfmeterentscheidung dem Los vorzuziehen.

Rudolf Walter Leonhardt