Von Joachim Schwelien

Washington, im November

Die Wahlschlacht um den Kongreß und die Gouverneursposten in Amerika ist dieses Mal nicht mit dem Auszählen der Stimmen beendet worden. Die homerischen Wortgefechte, wer nun eigentlich gewonnen habe, dauern im Publikum, unter den Experten und in der Presse an.

Präsident Nixon nennt das Ergebnis einen Sieg, der ihm im Senat eine arbeitsfähige Mehrheit eingebracht habe, und Larry O’Brien, der Vorsitzende der Demokratischen Partei, spricht von einer nachhaltigen Niederlage der Republikaner. Für diese Bewertungen ist – auch bei den Journalisten – in hohem Grad der Standort des Betrachters ausschlaggebend, aber ein Korn Wahrheit kann jedem von ihnen zugebilligt werden. Nixon hat zweifellos die Faustregel durchbrochen, nach der die Partei des Präsidenten bei Kongreßwahlen in der Mitte seiner Amtszeit stets erhebliche Sitzverluste in beiden Häusern des Kongresses zu erwarten habe.

Die Demokraten können allerdings auf ihren Zuwachs im Repräsentantenhaus und mit noch größerem Stolz auf ihren Triumph bei den Gouverneurswahlen verweisen: Sie haben jetzt in den Regierungen der fünfzig Bundesstaaten die Mehrheit an sich gerissen, vor allem wieder in einigen wichtigen großen Industriestaaten. Das verbreitert ihre Ausgangsstellung für die Präsidentenwahl von 1972 beträchtlich.

Entscheidend aber für das Verhalten der beiden großen Parteien in den kommenden zwei Jahren und für Nixons Chancen bei der Präsidentenwahl sind keineswegs die Wahlergebnisse der letzten Woche und deren Bewertung. Den wirklichen Aufschluß über den Stand des innenpolitischen Barometers in Amerika vermitteln dagegen die Haltung der ausschlaggebenden Wählergruppen, die regionalen Strömungen, Erfolg und Mißerfolg der Wahlkampfleitsätze und der Wahltaktik.

Daraus ergibt sich ein sehr viel differenzierteres Bild, das für Nixon jedenfalls bisher nichts Gutes verheißt. Er läuft Gefahr, der zweite Präsident in diesem Jahrhundert zu werden, der nur eine Amtsperiode durchsteht. Er könnte 1972 von einem guten demokratischen Kandidaten geschlagen werden. Dafür sprechen, trotz einiger regionaler Erfolge der Republikaner, drei Vorgänge: