Die Alten haben die Geschichte nicht für sich gepachtet. Memoirenschreiber Schnörkeln zwar gern ihre altväterliche "Auch-wir-waren-einmal-jung"-Geste in die Feder. Dem Nachwuchs sozusagen ins Stammbuch auf die ersten Seiten: Auch ihr paßt euch noch an. Und: Was euch fehlt, sind unsere Erfahrungen. Doch die Rechtfertigung des betagten Besserwissers gelingt nicht immer. Der hervorragend gestaltete Bildband von

Gerhard Linne: "Jugend in Deutschland. Vom Sturm und Drang zur APO"; Bertelsmann Lexikon-Verlag, Gütersloh 1970; 240 S., 24,– DM

widerlegt den Spießer: Es war nicht zuletzt die Jugend, die durch ihre Erfahrungen Landschaft und Gesellschaft, das politische Denken und das so oft beschworene Wert- und Weltbild der Deutschen in zwanzig Jahrzehnten radikal verändert hat.

Der Bilderbogen spannt sich vom Aufstand gegen die aufklärerische Nüchternheit im ausgehenden 18. Jahrhundert bis zum Protest gegen technokratische Zwänge in unserer Zeit. Dazwischen: Werthers Tränen und Wandervogels Träume. Im Laufschritt zum Teach-in. Hitlerjugend und Hochschul-Revolte. Der Zupfgeigenhansl in kurzen Hosen und der Rocker in Jeans. Zwischen Paukboden und Politbühne entfalten sich Kommers und Kommune. Ein buntes Spektrum, anregend, aufregend.

Die Bilder wirken zusammen mit den sorgfältig ausgewählten Texten, ob von Hölderlin, Tucholsky oder Twiggy, wecken gute oder böse Erinnerungen ... Die Jugendzeit, sie kommt nicht mehr. Doch nicht Gartenlaube oder Gammlertreff bleiben als Resümee. Das Fazit: Mit den Generationen ändern sich die Gefühle, mit dem Jahrgang wechselt die Mode. – Die Jugend schreibt seit zweihundert Jahren mit kräftiger Handschrift ihre eigene Geschichte.

Sepp Binder