Von Imanuel Geiss

Als Fritz Fischer 1961 mit seinem umstürzenden "Griff nach der Weltmacht" die Verantwortlichkeit Deutschlands auch für den Ersten Weltkrieg herausstellte und damit alle nationalkonservativen Kreise in Politik und Wissenschaft bestürzte und empörte, lieferte er, nur von venigen bemerkt, auch gleich das Stichwort für die logische Konsequenz aus den neuen Erkenntnissen mit – "Kontinuität". Obwohl es leicht zu mißdeuten war, wurde es, verständlicherweise, von der Wissenschaft weder aufgegriffen noch ausgeführt. Erst galt es, sich mit den Thesen Fischers auseinanderzusetzen und sie wissenschaftlich abzusichern und durch neue Forschungen den ursprünglichen Anstoß fortzuführen. Das ist in den sechziger Jahren geschehen. Der Kern von Fischers Thesen wird heute stillschweigend oder ausdrücklich akzeptiert, vor allem in der jüngeren Historikergeneration.

So wurde es erst in den letzten Jahren sinnvoll, zur nächsten Etappe im wissenschaftlich-politischen Klärungsprozeß zu schreiten. Es fügte sich, daß Alex Möller mit seinem sachlich gar nicht bestreitbaren Ausspruch vom 23. September 1970 im Bundestag, die Verantwortlichen für zwei Weltkriege und Inflationen stünden der CDU/CSU näher als der SPD, das Stichwort "Kontinuität" nun auch in die politische Debatte getragen hat. Die empörte Reaktion der Opposition und weiter Kreise der Öffentlichkeit, die sich gar nicht die Mühe machten, auf die Sache selbst einzugehen, also sachlich zu werden, zeigt nur, wieviel politischer Sprengstoff noch heute in der Frage nach der Kontinuität steckt.

Das einzige Mittel zum Abbau falscher Emotionen und Klischees bietet hier die wissenschaftliche Forschung. Jüngst erschienen zu dem ebenso komplexen wie explosiven Thema gleich drei Arbeiten unterschiedlichen Charakters – eine in England, zwei in Deutschland, die dem intellektuell Redlichen weiterhelfen können. Als erste im Druck erschien die leicht erweiterte Antrittsvorlesung eines Freiburger Historikers:

Andreas Hillgruber: "Kontinuität und Diskontinuität in der deutschen Außenpolitik von Bismarck bis Hitler"; Droste Verlag, Düsseldorf 1969; 28 Seiten, 3,– DM.

Auch wenn man nicht in allen Details mit Hillgruber übereinstimmt – wann wäre das schon der Fall? –, sein geraffter Überblick über ein knappes Jahrhundert deutscher Außenpolitik ist eine ausgezeichnete Einführung in die Problematik, zumal er sich keineswegs auf den traditionellen "Primat der Außenpolitik" konservativer Couleur zurückzieht. Im Gegenteil: "Den Ausgangspunkt nicht nur für die Verfestigung der sozialen Struktur und für die innenpolitische und verfassungsgeschichtliche Sonderentwicklung Preußen-Deutschlands, sondern auch für Preußens außenpolitischen Weg zur führenden Großmacht in Mitteleuropa" sieht Hillgruber im preußischen Heeres- und Verfassungskonflikt von 1862, in dem sich die am stärksten konservative und die zunächst am wenigsten aussichtsreiche Möglichkeit für eine staatliche Ordnung Preußens durchsetzte.

Innerhalb eines knappen Jahrzehnts vergrößerte sich Preußen um das neue Deutsche Reich, dank einer Kombination royalistischer Machtpolitik nach innen und nach außen. Es blieb lange Zeit dem deutschen Zeitgenossen verborgen oder er hat es vergessen, daß auch Bismarck bereits ein gewagtes Hasardspiel getrieben hat. Sein kurzfristiger Erfolg täuschte über sein langfristiges Scheitern hinweg, das uns seit 1945 um so deutlicher wird, je weiter wir uns historisch und politisch vom Deutschen Reich entfernen, das 1945 definitiv gestorben ist.