Köln

Sie ist jung und hübsch, modern und begabt Doch die Voraussetzungen für eine zumeist sichere und schnelle Karriere wurden Rita Horstmann eher zum Hindernis: Sie ist evangelische Pastorin.

Nach ihrer ersten Vikariatszeit in einem Neubaugebiet in Essen hatte sich die Theologin für die zweite Pfarrstelle der evangelischen Gemeinde Köln-Brück beworben. Diese Stelle ist eigens für die erst vor drei Jahren gebaute Konrad-Adenauer-Siedlung geschaffen worden. Rund 9000 Menschen wohnen inzwischen in der Satellitenstadt; etwa 3000 davon sind evangelische Christen. Der schnelle Zuwachs in diesem Neubaugebiet war für das Brücker Presbyterium hinreichender Grund, für die Adenauer-Siedlung einen eigenen Seelsorger zu berufen.

Ein halbes Jahr, nachdem die Theologin ihre neue Stellung angetreten hatte, erwuchs ihr massiver Ärger. Das Presbyterium beschloß mit Mehrheit, Rita Horstmann aus der zweiten Pfarrstelle abzuberufen. Begründung: Die Pastorin äußere in ihren Predigten theologisch und kirchenpolitisch bedenkliche Ansichten. Den Brücker Kirchenherren kam bei ihrem Beschluß zustatten, daß Geistliche in den ersten beiden Jahren nach ihrem Examen eine Pfarrstelle nur verwalten und deshalb kurzfristig von Altar und Kanzel vertrieben werden können.

Rita Horstmann verlangte von Pfarrer Walter Meyer, ihrem direkten Vorgesetzten in Brück, genaue Auskunft. Doch der 60jährige Kirchenmann wollte keine weitergehende Begründung für die Maßnahme gegen seine 29jährige Kollegin liefern. Wenig später lieferte jedoch eine andere Aktion von Pfarrer Meyer einen aufschlußreichen Hinweis über das Verhältnis zwischen! altem Pastor und junger Pastorin. Die Neubrücker Protestanten hatten Anfang Juli in einer ehemaligen Kaufhaus-Baracke einen vorläufigen Gemeinderaum bezogen. Pastorin Horstmann hatte nach Rücksprache mit ihren Gemeindemitgliedern sogleich einen Gottesdienst festgesetzt. Pfarrer Meyer jedoch machte die Kollegin darauf aufmerksam, daß nur das Presbyterium Gottesdienste ansetzen dürfte. Eigenhändig schlug der weißhaarige Pfarrer im Neubrücker Gemeinderaum ein Plakat mit der Mitteilung an, daß der Gottesdienst der Pastorin ausfalle. Neubrücks Protestanten müssen warten, bis ihr endgültiges Gemeindezentrum in der Adenauer-Siedlung im nächsten Jahr fertiggestellt ist. Rita Horstmann setzte für die Gottesdienst-Termine Andachten an: "Dieses Recht kann mir keiner streitig machen."

Neubrücks Protestanten besuchten seither nicht nur eifrig diese Andachten, sie wurden auch beim Brücker Presbyterium und der rheinischen Landeskirchenleitung vorstellig. Sie verlangten, daß der Beschluß über die Abberufung ihrer Pfarrerin ausgesetzt werde, bis der Kirchenvorstand entsprechend der Zahl der Neubrücker Protestanten erweitert sei. Außerdem legten sie eine Liste mit 190 Unterschriften vor, in der sich die Protestanten für ein Verbleiben der Theologin aussprachen.

Doch diese Aktionen waren zunächst erfolglos. Der Brücker Kirchenvorstand bestätigte im September erneut den Abberufungsbeschluß: Rita Horstmann sollte am 1. Oktober die Adenauer-Siedlung verlassen. Allerdings verpflichteten sich die Presbyter, sich den evangelischen Christen Neubrücks in einer Diskussion zu stellen. Als jedoch bei dem anberaumten Termin nicht nur die wenigen schriftlich eingeladenen Gemeindemitglieder erschienen, sondern sich über hundert Menschen vor dem Gemeinderaum einfanden, versperrte Pfarrer Meyer den Eingang und verhinderte die Diskussion. In einem Raum der katholischen Kirchengemeinde Neubrück formierte sich dann ein neunköpfiges Komitee zugunsten der jungen Pastorin. In wochenlangem Kleinkrieg mit dem Kirchenvorstand, in zahlreichen Gesprächen und vielen Sitzungen wurde schließlich erreicht, daß der Juli-Beschluß ausgesetzt wird, bis das Presbyterium erweitert worden ist.