Von Gilbert Ziebura

In diesen: Tagen, da mancher Zeitgenosse die Prioritäten der bundesrepublikanischen Außenpolitik in Frage gestellt sieht und da die Ost- und Deutschlandpolitik der Kleinen Koalition nicht mehr zu stagnieren scheint, ist es heilsam, über Voraussetzungen und Erfahrungen dieser Politik jenseits parteipolitischer Tagesinteressen nachzudenken. Dazu liefert reichen Stoff:

Waldemar Besson: "Die Außenpolitik der Bundesrepublik. Erfahrungen und Maßstäbe", R. Piper u. Co., München 1970; 493 Seiten, Ln. 28,– DM.

Denn Besson will nicht nur analysieren, beschreiben, verstehen; er will, wie der Untertitel recht ambitiös verheißt, "Maßstäbe" der westdeutschen Außenpolitik herausarbeiten, so etwas also wie objektive Erfordernisse, quasi-Gesetze, denen sich die Politiker nicht straflos zu entziehen vermögen. Sein Buch enthält einen normativen Anspruch, ja, es gerät in die Nähe einer Handlungsanweisung, die um so autoritativer auftritt, als sie sich den Grundmustern einer wohlverstandenen deutschen Außenpolitik, und zwar seit den Tagen Bismarcks, verpflichtet weiß.

Um Besson zu verstehen, muß man seine theoretischen Prämissen kennen, mit denen, naturgemäß, seine Aussagen stehen und fallen. Wer seine früheren Arbeiten kennt, weiß, wo er sie hernimmt: aus dem ehrwürdigen Arsenal des deutschen Historismus von Ranke bis Dehio und Meinecke. Was man tot glaubte, feiert Wiederauferstehung – freilich, wenn man so will, in "gereinigter" Form. Wie bei seinen geistigen Vätern, ist auch für Besson die "Staatsräson" das Grundkonzept, der rote Faden, der das Buch durchzieht und ihm damit innere Kohärenz und Struktur verleiht.

Wer die "Räson" eines Staates begriffen hat, kennt auch sein Bewegungsgesetz, die Maxime seines Handelns; sie sagt (und hier zitiert Besson Meinecke) "dem Staatsmann, was er tun muß, um den Staat in Gesundheit und Kraft zu erhalten." Diese Interessen des Staates "kommandieren die Fürsten, auch wenn sie Delegierte des Volkes" geworden sind. Die Quelle der Staatsräson aber ist die "Erfahrung", die sich im Lauf der Zeit zu "Maßstäben" verdichtet, die – ihrerseits den Handlungsspielraum der Akteure begrenzen. Der Inbegriff dessen schließlich, was die Akteure an Erfahrungen und Maßstäben einbringen, ist die "Tradition", die die Grundlage des nationalen Selbstverständnisses nach außen darstellt. Wer also Außenpolitik deuten will, muß von diesen Orientierungen der Handelnden ausgehen. Das Ganze soll dann die "zeitgeschichtlichen Grundlagen einer Theorie der westdeutschen Außenpolitik" liefern.

Wahrhaftig: man glaubt sich in Opas Geschichtsbetrachtung zurückversetzt. Es ist erstaunlich, daß Besson nicht nur keine Ideologiekritik an seinem Grundkonzept vornimmt, sondern all das, was die klassische Lehre der Staatsräson impliziert, ausdrücklich auf sein Konto übernimmt. In seiner Besprechung des Buches von Krippendorff, "Die amerikanische Strategie" (Die ZEIT, 9. 10. 1970), schreibt er unbefangen, "daß es eine Pflicht zur Selbstbehauptung eines Gemeinwesens nach außen in der Konkurrenz mit anderen geben könne, unbeschadet seiner inneren Ordnung": In der Tat: wer sich die Lehre von der Staatsräson zu eigen macht, akzeptiert, ob er es wahrhaben will oder nicht, die Lehre vom Primat der Außenpolitik, auch wenn sie wie bei Besson in gemäßigt-liberaler Gestalt auftritt. Aber genau hier lag die Erbsünde des deutschen Historismus. Wer auf dessen Begriffe zurückgreift, zahlt eben seinen Tribut. So muß Besson alles dransetzen, um zunächst aus der Bundesrepublik einen "normalen Staat" zu machen, mit "seiner" spezifischen Räson, die schließlich aus einer Mischung von Tradition und Anpassung an die aktuellen Gegebenheiten destilliert wird.