Wiesbaden

Wähler sind besser als ihr Ruf: In Hessen haben sie am 8. November bei der Wahl zum Landtag bewiesen, daß sie durchaus eine wohlüberlegte, bewußte, differenzierte Entscheidung treffen können: Dies ist das herausragende Ereignis der Hessenwahl, bemerkenswerter wohl noch als das überraschend gute Wahlergebnis der Freien Demokraten und das Mehrheitsvotum für die Politik der sozialliberalen Koalition in Bonn, das trotz der Einbußen der SPD zustande kam.

Vergleicht man die Zahlen der Bundestagswahl von 1969 mit dem Ergebnis der Hessenwahl, scheint auf den ersten Blick die Bewegung unter den Wählern gering gewesen zu sein (Anstieg der CDU um 1,3 Prozentpunkte, der SPD und FDP um insgesamt 1,1). Tatsächlich aber sind beachtliche Gruppen von einer Partei zur anderen übergewechselt.

Die Sozialdemokraten verloren gegenüber der Landtagswahl 1966 (51 Prozent) die absolute Mehrheit und landeten bei 45,9 Prozent (weniger auch als bei der Bundestagswahl: 48,2), die Christlich-Demokratische Union setzte die Sammlung des rechten Lagers fort und konnte ihren Stimmenanteil um über die Hälfte vergrößern: von 26,4 Prozent bei der Landtagswahl 1966 auf 39,7. Bei der Bundestagswahl stand sie schon bei 38,4 Prozent. Die Freien Demokraten hielten ihre Position in der Landtagswahl (1966 10,4 Prozent, 1970 10,1 Prozent) und verbesserten sich gegenüber der Bundestagswahl erheblich, ebenfalls um mehr als die Hälfte (1969: 6,7).

Die Vergleiche mit 1969 rücken die Gewinne der CDU in die richtige Proportion, denn die Union hatte in Hessen schon bei der Bundestagswahl ihren Nachholbedarf gedeckt. Das Ergebnis vom 8. November 1970 entspricht weit mehr dem tatsächlichen Kräfteverhältnis als das untypische Extremresultat von 1966 mit 26,4 Prozent. Damals war das Jahr der Krise um Erhard; Rückwirkungen auf einen CDU-Landesverband konnten nicht ausbleiben. Ebenso überzogen, aber in anderer Richtung, war 1966 der sozialdemokratische Sieg mit über 50 Prozent. Weitgehend war jener Wahlerfolg der überragenden Persönlichkeit des damaligen Ministerpräsidenten. Georg August Zinn zu verdanken.

Da die CDU im Wahlkampf auf hartem Rechtskurs lag, konnte sich ein großer Teil der früheren NPD-Wähler für die Union entscheiden. Der organisierte Rechtsradikalismus durfte sich nach den bösen Erfahrungen mit dem öffentlichen Auftreten seiner Schlägertruppen in Hessen kaum eine Chance ausrechnen, die Fünf-Prozent-Hürde zu überspringen, so daß sich viele frühere NPD-Wähler, diesmal bewußt und konsequent, für die CDU entschieden. In der NPD-Hochburg Grünberg zum Beispiel ging der Anteil der Nationaldemokraten von 19,2 Prozent im Jahre 1966 auf 8,8 Prozent zurück, während die CDU entsprechend anstieg.

Der Verlust der Sozialdemokraten beruht, ebenso wie das gute Ergebnis der Freien Demokraten, auf gründlicher Überlegung der Wähler. Ohne Zweifel haben traditionelle SPD-Wähler diesmal für die FDP gestimmt, um der Bonner sozialliberalen Koalition das Rückgrat zu stärken.