In Hessen gewann die CDU – in Bonn die SPD

Von Rolf Zundel

Bonn, im November

Die Union hat die Posaunen von Jericho ganz still wieder eingepackt. Die Mauern der Bonner Koalition, die sie mit ihrem Wahlkampfgedröhn in Hessen zum Einsturz bringen wollte, haben gehalten. Mehr noch: die schwachen Stellen sind jetzt besser abgesichert. Von Kanzlersturz redet vorläufig niemand mehr, und die davon geredet haben, werden nicht gern daran erinnert. In Bonn kann weiter regiert werden, ohne Hektik und ohne Ärger.

Die Bundesregierung steht als Sieger da – das hat sie der Opposition zu verdanken, die mehr oder weniger deutlich ihrer Hoffnung Ausdruck gegeben hatte, es werde in Hessen gelingen, die FDP so zu treffen, daß darüber schließlich die Koalition in Bonn zusammenbreche. Jetzt, da diese Hoffnung getrogen hat, wird vom großen CDU-Erfolg nur beiläufig geredet. Alle Welt dagegen rätselt über die wundersame Kräftigung der FDP, und alle Journalisten vermelden pflichtgemäß die Festigung der Koalition.

Gewiß, die Union hat viel erreicht. Sie ist zum erstenmal bei einer Landtagswahl in Hessen zur zweiten großen Partei geworden, die absolute Mehrheit der SPD ist gebrochen. Und das bedeutet viel in einem Gebiet, in dem die Union bisher die Rolle eines hoffnungslosen Außenseiters gespielt hat und in dem die Sozialdemokraten mit deprimierend großem und gleichbleibendem Abstand führende Partei waren. Die CDU hat gegenüber den letzten Landtagswahlen ihren Stimmenanteil um mehr als die Hälfte vergrößert – eine sensationelle Steigerung.

Indes ist die Steigerung sehr bescheiden, wenn man sie mit den letzten Bundestagswahlen vergleicht; daran gemessen hat die CDU nur 1,3 Punkte gewonnen, genau 0,2 Punkte mehr als die Koalitionsparteien. Das Gerede also, Hessen habe gezeigt, daß die Bevölkerung der Bonner Koalition den Rücken gekehrt habe, wird durch dieses Wahlergebnis in den Bereich der Spekulation verwiesen.