Der Reiz der Stadtgeschichte liege "in- der geschichtlichen Konkretisierung des allgemein Typischen in stets neuer und andersgearteter Einmaligkeit", hat Werner Conze einmal gesagt. Dirk Bavendamm, der dieses Wort zitiert, empfand die Aussicht auf solche Erkenntnisse als Verlockung, und die Begeisterung hat ihn bei der Detailarbeit offensichtlich nicht verlassen. Seine Dissertation –

Dirk Bavendamm: "Von der Revolution zur Reform. Die Verfassungspolitik des hamburgischen Senats 1849/50"; in: "Schriften zur Verfassungsgeschichte", Band 10; Verlag Duncker & Humblot, Berlin 1969; 306 S., 58,60 DM

– vermittelt auch dem Leser das Gefühl, epochale Entwicklungen im Brennglas städtischer Politik mitzuerleben. Das Thema ist besonders gut gewählt: In dem nämlichen Jahr von Juni 1848 bis Mai 1850 entschied sich das Schicksal der Revolution, die nach Paris und Berlin auch in Hamburg begonnen hatte. Die Chronik dieses Jahres liest sich über große Partien wie eine Illustration zu Lassalles Rede "Über Verfassungswesen".

Das mittelalterliche Regiment des unabsetzbaren und sich selbst ergänzenden Senats, die (aus Grundeigentümern und bestimmten Amtsinhabern bestehende) "Erbgesessene Bürgerschaft" und andere bürgerliche Kollegien wie die "Oberalten" verteidigten ihre Rechte mit Raffinement. Eine verfassunggebende Versammlung beschloß zwar, die alten Institutionen zu entmachten und Volkssouveräntität und Gewaltenteilung durchzusetzen. Aber wie in Preußen wurden – um bei Lassalle zu bleiben – "die Besiegten nicht entwaffnet"; nicht einmal die Legitimität des fortbestehenden Senatsregimes wurde bestritten.

Als entscheidende Stützen des Senats traten einige preußische Bataillone auf den Plan. Im August 1849 marschierten sie in die Stadt ein. Zuerst wurde eine kleine Anzahl mit Zustimmung des Senats einquartiert; als sich Proteste der Bürger zu Tumulten steigerten, schickte die preußische Regierung insgesamt 10 000 Mann. Der Senat, der vor der Verstärkung des Kontingents nicht gefragt worden war, widersetzte sich zunächst, erkannte aber bald, daß er von der... Besetzung profitierte, und paßte sich der neuen Lage an.

Unter dem preußischen Schutz – der durch den Beitritt zum "Dreikönigsbund" abgesichert wurde – konnten ein reaktionäres Pressegesetz und eine Verordnung "zur Verhütung des Mißbrauchs des Versammlungs- und Vereinigungsrechts" erlassen und das revolutionäre Gesetz über die Wahl der Bürgerwehroffiziere aufgehoben werden. Die Macht der Konstituante aber verfiel, und es begann ein langes Gerangel um die Formulierung der neuen Verfassung, das mit dem Sieg der Konservativen endete.

Der Journalist Bavendamm, bis 1969 Redakteur der ZEIT, seither Korrespondent der "Welt" in Düsseldorf, hat keine historische Reportage geschrieben, sondern eine solide wissenschaftliche Untersuchung auf der Basis intensiven Aktenstudiums im hamburgischen Staatsarchiv. Er läßt die Quellen selbst sprechen und zitiert ständig aus Protokollen und (vielfach seinerzeit vertraulichen) Briefen. An Hand sorgfältiger Zusammenstellungen über Verwandtschaften und Vermögensinteressen erläutert er die sozialen und ökonomischen Hintergründe der Senatspolitik Bei seinen Archivforschungen deckte er sogar Fälle von Aktenmanipulation auf.

Manchmal scheint ihn die Last des Materials erdrückt zu haben; es gibt Wiederholungen und Überschneidungen, und in dem Bestreben nach Vollständigkeit kommt gelegentlich die Übersichtlichkeit zu kurz. Daß er die Urheberschaft einem Kollektiv zuschreibt, indem er "unsere Dissertation" und "unseres Erachtens" sagt, mag an. der Suggestivkraft des Kanzleistils liegen, dem er dauernd begegnete. Zu einem auch heute beliebten Topos schrieb man damals zum Beispiel so: "Ehrbare Oberalten finden sich veranlaßt, bei Einem Ehrbaren Rath anzufragen, ob bereits Schritte geschehen, um die Macht der bestehenden gesetzlichen Gewalten zu wahren ..." hpb