Auf Kap Kennedy bereitet man sich auf einen neuen Rekordschuß vor. Frühestens am 17. November will man den schwersten wissenschaftlichen Satelliten starten, der von den Vereinigten Staaten je gebaut worden ist. "OAO-B", so ist der Name des Gerätes, eine Abkürzung für Orbiting Astronomical Observatory, wiegt über zwei Tonnen und besteht aus mehr als 328 000 Einzelteilen. Seine sieben Meter langen mit Sonnenzellen bedeckten Flügel geben ihm das Aussehen einer riesigen Fledermaus.

Der Satellit ist eine unbemannte Sternwarte im All mit einem 36-Zoll-Teleskop (91 cm), das mehr "sieht" als irgendein Teleskop auf der Erde. Denn OAO-B registriert die ultravioletten Strahlen der Sterne, die die Erdoberfläche nicht erreichen, weil sie die Lufthülle nicht durchdringen können.

Was die Wissenschaftler von der "Fledermaus" erwarten, ist nicht gerade wenig. Sie hoffen, mit ihrer Hilfe Aufschluß über die Geburt von Sternen zu erhalten. Sie glauben auch, daß ihnen OAO-B helfen wird, bestimmte Voraussagen über die Zukunft unserer Galaxis zu machen.

Insbesondere soll untersucht werden, woraus der kosmische Staub besteht. Bislang gibt es keine allein gültige Theorie über die Zusammensetzung seiner festen Bestandteile. Dachte man früher, es handle sich um Eiskristalle, so kam später die These auf, man habe es mit Wolken von Kohlenstoff oder gar Rauch zu tun.

"Ich hoffe, daß ich mit OAO-B herausfinden kann, woraus die feste Substanz im kosmischen Staub besteht." Das sagte jetzt Dr. Albert Boggess vom "Goddard Space Flight Center" der NASA. "Wir müssen mehr über den kosmischen Staub in Erfahrung bringen; denn aus diesem im Weltraum herumschwebenden Material bilden sich die Sterne. Der kosmische Staub ist deshalb auch, kosmologisch gesehen, von beträchtlicher Bedeutung, wenn man voraussagen will, wie sich unsere Milchstraße weiterentwickeln wird."

Daneben ist es eine der wichtigsten Aufgaben des neuen Satelliten, die sogenannten heißen Sterne zu beobachten, die von den Astronomen wegen ihres geringen Alters als "Sternenbabys" angesehen werden. Während unsere Sonne zum Beispiel mit fünf Milliarden Jahren – astronomisch gesehen – ein mittleres Alter erreicht hat, bringen es einige heiße Sterne nur auf einige hunderttausend Jahre. Das automatische 90-cm-Teleskop, das die Erde in einem Abstand von 746 Kilometern umkreisen wird, soll die Temperatur einiger heißer Sterne, die ihr Licht insbesondere im Ultraviolettbereich abstrahlen, messen. Die Astronomen nehmen an, daß man auf diese Weise die Entstehung einiger Sterne beobachten kann, zumal auch die sogenannten T-Tauri-Sterne untersucht werden sollen, die sich gegenwärtig wahrscheinlich noch zusammenziehen, ihre endgültige Form erst noch gewinnen müssen.

OAO-B soll insgesamt fünfzigtausend Sterne anpeilen, zum Teil in unserer Galaxis, zum Teil in sehr entfernten Galaxien. Auch die am weitesten entfernten Himmelskörper, die Quasare (quasistellare Radioquellen), die eine außergewöhnlich intensive Strahlung aussenden, soll der neue Himmelsspäher untersuchen.