Von Werner Höfer

So strahlte er noch nie, und selten hatte er mehr Grund dazu: Walter Scheel, Bundesminister des Auswärtigen und Bundesvorsitzender der FDP. Auf der Durchreise von Warschau nach Brüssel und zurück war er am Montag für ein paar Stunden in Bonn zwischengelandet. Auf dem Programm standen ein Gespräch mit dem Bundeskanzler ("Wir haben uns gegenseitig beglückwünscht – er mich zu unserem großen Wahlerfolg in Hessen, ich ihn zum maßvollen Mißerfolg, der nichts mit Willy Brandts Bundespolitik zu tun hat."), eine Lagebesprechung mit dem Parteivorstand ("Es gab Dank und Anerkennung für die hessischen Sieger, und ein paar Spritzer des Lobs fielen auch für mich ab."), ein Kurzbesuch bei Frau und Kind und ein Nachtstudium der Akten ("In Brüssel geht es schließlich um ganz andere Fragen als in Warschau").

Das letzte Nach-Wahl-Gespräch mit Walter Scheel, am Abend des 14. Juni, begann mit der Frage "Gebrochen?" und brachte die Antwort: "Haben Sie mich schon einmal gebrochen gesehen?" Diesmal lag eine andere Frage an den immer ungebrochenen Liberalen nahe:

"Wann, wo, wie haben Sie von dem Wunder von Wiesbaden‘ gehört?"

"Von einem ‚Wunder‘ möchte ich nichts hören, weil ich an Wunder in der Politik nicht glaube. Die guten Nachrichten aus Hessen erreichten mich im Zug von Krakau nach Warschau, teils durch Vermittlung unseres freundlichen polnischen Dolmetschers, der deutsche Rundfunksender abhörte, teils durch einen vom Bundespresseamt organisierten Zubringerdienst, der uns unterwegs auf den Haltestationen über den polnischen Stationsvorsteher mit Hochrechnungen versorgte."

"Und Ihre Laune verbesserte sich von Station zu Station."

"Nun, ich habe versucht, keine euphorische Stimmung hochkommen zu lassen, wie ich mich auch gezwungen hätte, bei einem schlechten Ergebnis nicht in Resignation zu verfallen."