Zurück zu Dionysos! – so heißt auch die Parole, die der Londoner Humanbiologe Alex Comfort ("Natur und menschliche Natur") seinen Zeitgenossen anzubieten hat. "Am Rande einer Krise, die viel gefährlicher ist, als man ahnt", sieht Comfort die Gesellschaft von heute. Heilung für das Krisengeschöpf Mensch findet er in einer generellen Erotisierung des Lebens; orgiastische Erlebnisse und die Fähigkeit zum Außersich-Geraten müßten kultiviert werden, um die Zwänge der Zivilisation zu überwinden, um sich von Ängsten zu befreien. Und: "So gesehen, haben unsere Halbwüchsigen, die ekstatisch kreischen und tanzen, durchaus den richtigen Instinkt."

Als "Pioniere neuer Lebensweisen" feiert denn auch Amerikas Pop-Philosoph Marshall McLuhan jene alltagsweltflüchtigen Jungen, die sich wie Gaukler und Zigeuner kleiden, wie Medizinmänner bemalen, Hare Krishna preisen, sich von soul und grass in Euphorie versetzen lassen. "Ein neues Bewußtsein" bescheinigt ihnen ihr philosophischer Lehrmeister Herbert Marcuse, "die Sensibilität für eine Freiheit, die mit den in der vergreisten Gesellschaft praktizierten Freiheiten nichts zu tun hat und nichts zu tun haben will."

Aus Ekel vor der Gesellschaft im Überfluß proben sie die große Weigerung. In der Leistungszwangs-Arena der Tatmenschen, der Arbeitshelden und Unternehmer, wo sich die ehemals skeptische Generation durchaus widerspruchslos angesiedelt hat, sind sie nicht zu finden. Gleichgültig gegenüber allen Ansprüchen der Realität, gilt ihnen nichts zu tun als vollkommene Gebärde der Freiheit. Sie glauben wirklich, was Alex Comfort sagt: "Das Paradies ist... eine menschliche Möglichkeit."

Da mag sich mancherorts, im Underground Überdruß einschleichen, die Drogenszenerie verfinstern, der Glaube brüchig werden; da mögen sich manche Lebensgemeinschaften, auch Kommunen genannt, auflösen, die Hoffnungen auf eine heile Welt verflüchtigen – enttäuschte Träume sind das Ende nicht.

Die Engagierten haben ihren Aufbruch nicht gestoppt. An der Hoffnung halten sie fest, daß der Mensch nicht unabdingbar Wolf unter Wölfen sein muß, daß vielmehr "unter Kämpfen, und schmerzlichen Auseinandersetzungen die Gehalte der Zukunft geboren werden" (die linke Soziologin Heide Berndt). Und so erbringen sie ihren Anteil zu Herbert Marcuses Vermutung: "Die Menschheitsgeschichte scheint sich einem neuen Wendepunkt im Triebschicksal zu nähern." Dionysos spielt auf.

Ohne Hohn, doch auch ohne Bedauern beobachten die Skeptiker auf ihren Außenseiterposten das, wie sie meinen, hoffnungslose Aufbegehren. Verdammen können sie die soulsingende, drogenselige Revolte nicht. Eher sind sie geneigt, aufgesetzte Bajazzo-Elemente im Revoluzzertum zu entdecken; modisches Auch-ein-bißchen-Rebellieren zu entlarven; Versager auszumachen, die sich ins linke Lager retten, um wenigstens dort eine Rolle zu spielen; Kritik anzumelden und Zweifel zu äußern. Das ist der Realisten Job. Zu hassen wie die Rechtsfanatiker vermögen sie nicht.

So ungewiß die paradiesgläubigen, pflichtvergessenen Rebellen im Untergrund nur ein Randphänomen, eine statistisch irrelevante Minorität darstellen innerhalb ihrer Generation, die man die übertriebene, die aufsässige, die auffällige genannt hat, so gewiß reagiert die geschlossene Front der erfolgsgläubigen und pflichtbesessenen Paternisten gerade auf die kleinste, die passive Minderheit der Protestierer auffallend verstört.