Der erste CERN-Speicherring funktionierte besser als erwartet

Von Thomas von Randow

Die Magnete haben keinen Strom", rief einer. "Die Sicherungen müssen eingeschaltet werden", rief ein anderer. "Wo ist der Schlüssel zum Sicherungsraum?" fragten viele. Es dauerte fast eine Stunde, bis der Schlüssel gefunden war und die Probe beginnen konnte, die Erprobung des ersten der beiden Speicherringe im europäischen Kernforschungszentrum CERN in Meyrin bei Genf.

Sie freilich verlief dann so glatt, wie es keiner der an dem Projekt beteiligten Physiker und Techniker zu hoffen gewagt hatte. Die Nachricht von diesem Erfolg verbreitete sich in den Fachkreisen schnell, und an der Flut der Glückwunschtelegramme aus Ost und West, die seit Beginn der vorigen Woche im CERN nicht abreißen will, läßt sich ablesen, wie gespannt die Physiker in aller Welt darauf sind, ob das neue große Instrument – es ist jenseits der Schweizer Grenze auf französischem Böden in einem Ringtunnel von 300 Meter Durchmesser untergebracht – tatsächlich funktionieren wird. Vorerst ist dies allerdings nur für einen Teil der Anlage, die – früher als geplant – im kommenden Februar betriebsbereit sein wird, unter Beweis gestellt worden.

Warum ist das Interesse an der neuen Forschungsmaschine so groß?

Eine zusätzliche Linse

Betrachtet man, was durchaus berechtigt ist, Teilchenbeschleuniger wie das große Protonensynchroton des CERN als Mikroskope, mit denen man die subatomare Welt beobachten kann, dann ist ein Speicherringsystem, wie es in der Nähe von Genf jetzt entsteht, eine Art Zusatzlinse, die das Auflösungsvermögen des Mikroskops erheblich vergrößert. Das System im CERN wird das erste seiner Größenordnung sein. Daß es so funktionieren wird, wie es die Theorie vorschreibt, ist bei derlei Großforschungsgeräten keineswegs sicher. Daß der bislang fertiggestellte Teil nach Wunsch arbeitet, ist Grund genug zum verständlichen Stolz, der die Beteiligten erfüllt. Stolz ist man auch darauf, daß die Anlage nicht mehr kosten wird als im Jahre 1964 kalkuliert worden war: 332 Millionen Schweizer Franken in Marktpreisen von 1965.