Von Claus Gatterer

"Das tschechoslowakische Experiment mit dem Sozialismus mit menschlichem Antlitz ist nicht gescheitert, im Gegenteil... Das Volk hat erkannt, daß der Sozialismus anders sein kann, und sich mit diesem identifiziert... In der Niederlage schlummert der Keim des Sieges." Jiři Pelikán, "Das unterdrückte Dossier"

Es ist aus. Ja. Aus. Doch ich fühle mich nicht geschlagen. Ich nicht... Wir sind dagewesen ... Wir waren einig und stellten eine Kraft dar. Nie zuvor hat es in Sizilien etwas Ähnliches gegeben. Wir haben versucht, in einem Lande, das nur dem Namen nach christlich ist, das Christentum zu entdecken. Wir haben die tote Majestät des Rechts zum Leben erweckt, indem wir ihr den Geist der Menschlichkeit und der Gerechtigkeit einhauchten ... Gewiß, wir haben nicht gewonnen ... Doch es hat uns gegeben. Wir haben etwas vollbracht..., haben gearbeitet, ... die Fenster aufgerissen. Wir haben Berge von Schmutz und altem Gerümpel hinausgekehrt aus Sizilien."

Palermo, im Sommer 1718. Don Francesco Ingastone, der Vorsitzende des Gerichts der Monarchie, legt seinen Freunden, die über Nacht mit ihm zu Verschwörern, Häretikern und Rebellen geworden sind, die Bilanz des siebenjährigen Konflikts mit dem Heiligen Stuhl vor, die Bilanz des kurzen "sizilianischen Frühlings" inmitten der europäischen Wirren des Spanischen Erbfolgekrieges.

Der von den Historikern zu Unrecht ignorierte Konflikt zwischen der sizilianischen Nation und dem Papst, die sogenannte "liparitanische Kontroverse", weist frappante Parallelen zum Geschehen um den Prager Frühling 1968 auf. Die Ereignisse von Prag bewogen den sizilianischen Schriftsteller Leonardo Sciascia auch, die Begebenheiten des fernen sizilianischen Frühlings nicht historiographisch aufzuzeichnen (etwa in der Art seiner essayistischen Berichte über die heilige Inquisition auf Sizilien"Morte dell’inquisitore" und "Atti di jede in Sicilia"), sondern sie in dramatisierter Form als Grotesk-Tragödie zu einer poetisch-politischen Streitschrift mit aktuellem Bezug zu verarbeiten.

Der vornehmlich als Romancier bekannte Sciascia gab den vier Akten, die zwischen 1711 und 1718 spielen, den feierlich-stelzigen Titel "Rezitation über die liparitanische Kontroverse – A. D. gewidmet" ("Recitazione della controversia liparitana dedicata ad A. D.", Einaudi, Turin 1970). A. D. ist Alexander Dubček, der Führer der tschechoslowakischen Kommunisten im Prager Frühling. Und die Steifheit des Titels verweist, wenn man so sagen darf, auf den "Jubiläumsgehalt" des Werkes: 1718–1968, also 250 Jahre, in denen die Welt nicht besser, nicht klüger, nicht menschlicher geworden ist. Der Sizilianer, den die Geschichte seines Volkes und seiner Insel Pessimismus gelehrt hat, glaubt nicht daran, daß "in der Niederlage der Keim des Sieges schlummert".

Im Jahre 1711 war auf der zu Sizilien gehörenden Insel Lipari ein Streit um einen Sack bischöflicher Erbsen ausgebrochen: die "liparitanische Kontroverse", ein Konflikt zwischen Kirche und Staat.