Von Erich Naused

Das deutsche Musikleben sei in Gefahr, sagen die einen und fordern eine Erhöhung der Subventionen. Es sei längst anachronistisch geworden, sagen die anderen und verlangen die Streichung der Zuschüsse. Was ist unter diesem "Musikleben" zu verstehen, wovon wird es beeinflußt und wohin wird es sich entwickeln? Der Deutsche Musikrat gab eine "Strukturanalyse" in Auftrag; was diese zu untersuchen hätte, versucht der Kunstsoziologe Dr. Erich Naused, Lehrbeauftragter an der Hamburger Universität, In einigen Thesen zu definieren.

Sozialwissenschaftler sind, bewußt oder unbewußt, auf Gesellschaftsveränderung aus, und sie teilen diese Intention in den Prozessen des sozialen Wandels mit dem Techniker und dem Künstler.

Sie hätten, im Feld der Kunst, gern auch den Politiker im Bunde, aber dieser, vollauf beschäftigt mit den täglichen Aufgaben einer gesellschaftlichen Feuerwehr, entzieht sich in aller Regel. Er ist dabei vorzüglich abgestützt durch eine öffentliche Meinung, die die Kunst tabuisiert, indem sie ihr eine Freiheit bescheinigt, die sie tatsächlich gar nicht hat.

Kein Wunder, daß der Karren des bundesdeutschen Kunst- und Musikbetriebes bei voll gezogenen kulturpolitischen Handlungsbremsen gelegentlich zu qualmen anfängt, was dann prompt seine Funktionäre und Repräsentanten auf den Plan ruft, die auf das pragmatische Prinzip schwören: wer gut schmiert, der gut fährt.

Um das bundesdeutsche Musikleben steht es nicht gut, obwohl nicht gerade zu befürchten ist, daß bald nur noch die Spatzen von den Dächern pfeifen. Aber welche Absicht mag hinter der Ankündigung des Deutschen Musikrates stehen, von der empirischen Sozialforschung eine Strukturanalyse unseres Musiklebens anfertigen zu lassen, wenn nicht die, auf die anscheinend störrische politische Herrschaft nunmehr mit konkreten Zahlen einzuschlagen, um endlich zu höheren Dotationen zu kommen.

Die magische Wirkung von Tabellen, Skalen und Kurven auf naive Gemüter soll hier nicht unterschätzt werden, auch nicht die vielleicht durchaus erfreuliche Nebenwirkung, arbeitslosen Soziologen,-die unsere Gesellschaft zwar großzügig ausbildet, aber dann aus allen heiklen Angelegenheiten peinlichst heraushält, eine Gelegenheit zu geben, etwas in der Übung zu bleiben. Wahrscheinlicher ist jedoch, daß man es vorziehen wird, entsprechende Forschungsgelder in die Kassen der so beliebten privatwirtschaftlichen demoskopischen Institute fließen zu lassen, die dann in Kleinarbeit, mehr oder weniger kritisch, auf jeden Fall mit Akribie massenhaft Daten zu einem Sachverhalt produzieren, der Kennern der Materie ohnehin bekannt ist.