Während die Werbetrommeln einiger Verlage linksherum geschlagen werden und es nun auch "ganz links" schon Bücher für Jugendliche gibt, vergaßen die Werbeonkels, daß solche Ortsangaben sehr relativ sind. Manche Autoren halten schon eine Anleitung: "Wie man Geschichten erzählt, verändert, verbessert" für ein sozialistisches Programm, andere bestehen auf einer Einführung in "Das Kapital", und wieder anderen genügt es, wenn Kinder, lernen, Polizisten Blumen zu schenken. Man kann sicher sein: Pippi Langstrumpf ist noch keine Revisionistin. Im Gegenteil. Sie ging mit Polizisten ganz anders um als Danco, der auch rote Haare und Sommersprossen hat und eines Tages nach Schildeck zu "Polko im Schilderwald" kommt. Danco stiftet die Kinder nur zu Geländerrutschen und Schneckenrennen an, erreicht letztlich aber auch nur, daß sie einen Spielplatz erhalten, der allerdings nach Dienstschluß auch Polizisten offensteht. Das ist sicher neu. An Pippi Langstrumpfs Freiheitsidealen gemessen, ist der Erfolg für die Kinder aber ein mageres Ergebnis. In traditioneller Bilderbuchform bleibt "Polko im Schilderwald" ein Buch für Antiautoritäre in Kinderschuhen.

Das kann man von den Kindern aus Doktor Gormanders Tagesheim "Kanone" nicht sagen. Mit Grütze und Stolperpatrouillen wird der Aufstand der Kinder gegen die Fräuleins und gegen die ganze Stadt vorbereitet. "Solidarität", Kampf und Umerziehung der ehemals herrschenden Fräuleins und schließlich auch der Eltern führen dazu, daß der König flieht und der Kanzler das Land in Richtung Amerika verläßt. Die jungen Revolutionäre erfahren aber auch, daß es nicht so leicht ist, die Macht auszuüben, wenn sich die "bockbeinigen Fräuleins" unter der Diktatur der Kinder um Spielente und Dampfschiff streiten. Damit man das Buch nicht falsch versteht, erklärt Doktor Gormander den Kindern deutlich: Dieser Aufstand unterscheidet sich vom Aufstand der Armen. Und ein Aufstand genügt nicht. Wenn die Sache Bestand haben soll, muß es eine Revolution werden. Gormander schafft es, differenziert genug darzustellen, wer von "den Großen" Freund oder Feind und warum Diebstahl nicht gleich Diebstahl ist und daß die Fräuleins eigentlich die nicht besonders Bösen oder Garstigen sind. Doch wenn zum guten Schluß sich die ganze Welt mit Plätzchen und Saft zum Sieg beglückwünscht, flieht man doch wieder in Kinderglücksirrealität, wie sie sich die "bürgerlichen" Erwachsenen vorstellen.

Das Programm des Weismann Verlages nennt seine Kinder- und Jugendbücher "ganz links" – aber dort steht er höchstens mit einem Bein. Alibis sind, sozusagen Verlagsprogramm. Abgesehen davon, daß es sich bei den Büchern von Günter Wallraff und dem Brecht für Kinder frei nach Sperr kaum um Jugend-, geschweige denn um Kinderbücher handelt, ist es Zynismus, Lehrlingen die "Dialektik der Aufklärung" unter der Überschrift "für kommende Revolutionäre" als Geschenk zur Schulentlassung zu empfehlen. Der arme B. B. würde sich im Grabe herumdrehen, sähe er sich so kulinarisch serviert: "Brecht macht das Lesen nicht immer leicht, aber wenn man ihn verstanden hat, ist es meistens schön." Man sollte den Weismann Verlag besetzen! Links sein hilft wenig, wenn man die Bedürfnisse derer, für die man schreibt, schlicht vergißt.

Für wen schreibt man eigentlich in den "linken" Verlagen Kinderbücher? Wer soll sie lesen? Lesen Arbeiterkinder? Was sollte man für sie schreiben?

Heinrich Hannover hat darüber nachgedacht, was nicht heißt, daß seine Schlüsse jedermann einleuchten müßten. Es ist nämlich durchaus nicht nötig, mit moralisierenden Federn zu schreiben, um engagiert zu schreiben. So bleibt auch ganz offen, wo er in seiner Geschichtensammlung den Anspruch einlöst, daß man mit ihnen lernt, "Bedürfnisse zu erkennen und zu formulieren". Es sei denn, er und seine Kinder sahen das Geschichtenerzählen selbst als solches an. Aber welche Eltern sind es, die auf Wanderungen ihren Kindern immer neue Geschichten erzählen?

Kinder, deren Eltern immerhin Comics statt Bilderbücher lesen, kommen allerdings selbst in "linkesten" Kinderbüchern noch selten vor. Dafür werden Gesellschaftskritik, ökonomische Analysen geübt und Herrschaftsverhältnisse drastisch vor Augen geführt. Denn wenn Martin der Marsmensch für seine Arbeit nur ein Zehntel des Motors, den er gebaut hat, kaufen kann, dann muß doch etwas faul sein. In seinem Eifer gerät dem Autorenkollektiv des Basisverlages allerdings oft sehr Unterschiedliches auf eine Seite. So steht Sexualaufklärung neben Gastarbeiterproblematik und phantastisches Marsmenschengehabe neben realer Dresche vom Vater. Glücklicherweise wird dabei erfreulich viel gealbert; Agitation macht Spaß.

Die Kinderbücher der nicht etablierten Verlage sind Ansätze für sozialistische Jugendliteratur, die mit dem linken Standbein nicht zu werben braucht und nicht antiautoritär bleibt und sich nicht auf die antiautoritäre Pose beschränkt. Klaus Nagel