Tomi Ungerers neuestes Bilderbuch "Zeraldas Riese" (Diogenes Verlag, Zürich; 32 S., 12,80 DM) ist ein Buch für Freßsäcke und Feinschmecker, für Kannibalismusforscher und Zivilisationsphilosophen – doch für Kinder ist es, fürchte ich, nicht.

Das will bewiesen sein.

Erstens: auf Seite eins wird, grandios gemalt, ein Riese vorgestellt, der mit gedunsener Rübennase und blutigem Messer sich auf die nächste Mahlzeit freut: Er wird ein Kindlein fressen. Er, der "einsame Menschenfresser", hat sich, Feinschmecker der er ist, auf zarte Kinder – wenigstens zum Frühstück – kapriziert. Die ganze Stadt hat Angst vor ihm, denn jeden Tag kommt er zu Besuch und schnappt sich ein paar feine Mahlzeiten, was zur Folge hat, daß die Eltern ihre Kinder nicht mehr in die Schule schicken, sondern in Truhen und Fässern verstecken, und der Riese sich oft mit Haferschleim und lauwarmem Kohl begnügen muß.

Freilich, die Rettung ist unterwegs. "Inmitten der Wälder" (man sieht, im Lande, wo die kannibalischen Riesen wohnen, gibt es noch endlose Wälder, Legionen von braven Bauern, kaum Handwerk, geschweige denn Technik, und die Welt ist, abgesehen von der widerwärtigen Menschenfresserei, säuberlich gefügt), inmitten dieser Bilderbuchwälder also lebt ein Bauer mit seiner einzigen Tochter, Zeralda. Die beiden, fern von allem, haben noch nie von dem Riesen gehört, und das Mädchen fährt, als der Papa krank wird, arglos mit Roß, Wagen und kulinarischer Ladung zum Markt in die Stadt. Zeralda kocht für ihr Leben gern. Sie kocht phantastisch. Alle Rezepte aus dem "Ritz", dem "Walterspiel", dem "Erbprinzen" sind eigentlich ihr eingefallen. Ihr Bildungsstand in Sachen Kochen ist schwindelnd hoch. Sie fährt los; der hungrige Reise lauert am Wegesrand auf einem hohen Felsen. Das Wasser läuft ihm beim Anblick Zeraldas derart im Munde zusammen, daß er das Übergewicht bekommt, den Felsen hinunterfällt und ohnmächtig zu Füßen der keineswegs verblüfften Zeralda landet. Was tut das Kind? Es kocht.

Es kocht auf freiem Felde delikat, nämlich: Wasserkressecremesuppe, geräucherte Forellen mit Kapern, Schnecken in Knoblauchbutter, eine Platte mit gebratenen Hähnchen und ein Spanferkel. Der Riese muß, erwägt man die Zubereitungszeit für ein Spanferkel, sehr lange ohne Bewußtsein gewesen sein. Wieder auf dem Damm, verschlingt er die geschmackvoll angerichteten Köstlichkeiten und ist unverzüglich bekehrt: Nie mehr wird er Kinder kauen, nein, er wird sich vielmehr des Kindes Zeralda bedienen, das von nun an auf seinem Schloß (was hat ein Riese anderes als ein Schloß?) für ihn kochen und leben wird. Auch die Riesen aus der Nachbarschaft entschließen sich unverzüglich zur Feinschmeckerei, was zu einer gemeinsamen Mitternachtsschlemmerei führt, auf der von der in der Küche schwitzenden Zeralda folgendes angeboten wird: Sauerkraut und Würstchen, Gänseleberpastete in Blätterteig, Kalbskoteletts auf getrüffeltem Aspik, Pompano Sarah Bernhard, Schokoladensauce Rasputin, Gebratener Truthahn à la Aschenputtel, kandierte Früchte, Löffelbiskuits und Eistorte. (Der vorlesende Vater beschließt, so angeregt, am nächsten Sonntag wieder mal zu kochen; der zuhörende Sohn langweilt sich ungemein, denn Kartoffelmus bleibt für ein paar Jahre noch Kartoffelmus). Ganz zum Schluß rasiert sich der wohlgenährte Riese den Bart ab, heiratet (rasiert er sich, um heiraten zu können?) Zeralda, und "eine Menge Kinder" (für die Küche, die Küche!) sind bald da. Es ist halt das Glück.

Zweitens: Die Moral der Geschichte macht einen frieren: Hier wird die Erziehung zur Zivilisation auf "höchstem Niveau" vorgeführt. Die Riesen fressen die Kinder nicht mehr, weil sie, belehrt, einsehen, daß es Leute sind und große Leute kleine Leute nicht verschlingen sollten, sondern einfach, weil der Unterschied zwischen einem ungebackenen Kinderhintern und einer Straßburger Gänseleberpastete (die Entwicklung zum Menschengeschlecht hat ihre Festpreise; bitte, fordern Sie Preisliste an!) zu sehr auf der Zunge liegt.

Drittens: Tomi Ungerer hat den Kindern die Schlange Crictor und einige andere umgängliche Geschöpfe geschenkt. Zeralda ist für die Väter, insonderheit für jene, die sich noch an ihre kannibalische Vergangenheit erinnern. (Die Bilder sind wieder hinreißend.) Peter Härtling