Von Theo Sommer

Nicht jede Zeit findet den großen Mann, der ihr Ausdruck verleiht und Gestalt gibt; und nicht jeder große Mann findet die Zeit, in der er sich verwirklichen kann. Charles de Gaulle besaß Größe, unleugbar, doch es war eine Größe, die versunkenen Epochen angemessener gewesen wäre als der unseren. Er war ein Mann des siebzehnten oder des achtzehnten Jahrhunderts, keine Figur des zwanzigsten; ein kraftvoller Herrscher, dessen Wollen an den Notwendigkeiten der Gegenwart vorbeiging. Er wollte Vergangenheit restaurieren und verfehlte deswegen die Zukunft. So wurde er, der doch der erste große Europäer hätte sein können, der letzte in der Reihe der großen Franzosen.

Der Gedanke an sein Land – das war es, was ihn antrieb und umtrieb. "Mein Leben lang habe ich mir eine bestimmte Idee von Frankreich gemacht", hieß der erste Satz seiner Memoiren. Das Bild Frankreichs, das er im Herzen trug, war – so bekannte er – wie das Bild der Prinzessin aus dem Märchen oder das Madonnenfresko an der Kirchenwand. Er war überzeugt, daß Frankreich nicht wirklich Frankreich sein könne, wenn es nicht in vorderster Reihe stünde. Das Rezept, das er den Franzosen verschrieb, lautete schlicht: vastes entreprises – gewaltige Unternehmungen. Sie sollten das französische Volk gegen die "Gärstoffe der Zwietracht" feien. Aus diesem Geist erklären sich die Stärken wie die Schwächen des Generals.

Die Stärken manifestierten sich 1940 und dann noch einmal 1958, als Charles de Gaulle seinem Vaterland zum Retter wurde, zugleich als Hüter der geschichtlichen Legitimität wie als Vollstrecker des nationalen Willens. Er tat es mit herrscherlicher Gebärde – ein Monarch, der sein Land allen Unbilden zum Trotz aus der Erniedrigung herausführte und der dreißig Jahre lang, ob er regierte oder nicht, die Bühne einsam beherrschte.

Die algerische Amputation vollzog er mit macchiavellistischer Perfektion, wie er zuvor schon die schwarz-afrikanischen Kolonien Frankreichs in die Unabhängigkeit entlassen hatte. Darin liegt kein Widerspruch zur Politik der Grandeur, die er im übrigen verfolgte; Er reduzierte Frankreich auf das "Hexagon", damit es in Europa eine um so größere Rolle spiele.

In den Rettungsaktionen freilich erschöpfte sich seine Kraft. Im Innern versuchte er – vergeblich, Gott sei Dank – alles auf die Alternative "Ich oder das Chaos" zu stellen. Die Institutionen schneiderte er sich nach Maß zurecht – bevormundete die Nationalversammlung, bekämpfte den Senat und den Staatsrat, entmachtete den Premierminister. Ein Neuerer wurde er nicht. Die Verwaltung blieb schwerfällig und phantasielos, die Vorstellung von der Partizipation ein Schemen. Mit altfränkischer Mythologie war den Problemen des Landes nicht beizukommen; das Sturmjahr 1968 bewies es.

Auf der Weltbühne erging es de Gaulle nicht besser. Die "gewaltigen Unternehmungen", die er anpackte, mißlangen ihm eine nach der anderen; und er verriet dabei eine Unstetheit, die einem minderen Manne den Vorwurf der Charakterlosigkeit eingetragen hätte. Im Jahre 1940 entwarf er den großen Plan einer britisch-französischen Union; 1945 skizzierte er ein Europa, das auf die drei Pfeiler Moskau-London-Paris gegründet werden sollte; 1954 plädierte er für den Einschluß Großbritanniens in jede europäische Gruppierung; 1963 schloß er England aus Europa aus. Immer mehr entpuppte sich die Außenpolitik des Generals als eine Folge leerer Gesten, genährt vor allen Dingen aus antiamerikanischen Affekten.

Eine Zeitlang setzte er auf die Bundesrepublik, dann aber strapazierte er sogar seinen Freund Konrad Adenauer so, daß die endlich erreichte deutsch-französische Aussöhnung beinahe aufs Spiel gesetzt worden wäre. Nacheinander versuchte er, mit Osteuropa, der Sowjetunion, China, der Dritten Welt eine Vorzugspartie zu spielen – alles ohne Erfolg. Der Hektik folgte am Ende die Exzentrik. De Gaulles Auftritt in Quebec konnte nur noch belächelt werden.

Europa litt unter alledem am meisten. Hätte der General es gewollt, er wäre leicht der erste europäische Bundespräsident geworden. Aber er wollte es nicht; er blieb lieber französischer Staatspräsident. Er verhinderte, daß ein großes Europa sich lose zusammenschloß, und auch daß ein kleineres Europa – das der Sechs – eng zusammenwuchs. Er war kein Europäer, er blieb ein Franzose, für den Europa nur insoweit interessant war, als Frankreich sich seiner bedienen konnte. Das aber hieß: nur insoweit, als sich Europa de Gaulles Meinungen aufzwingen ließ. So blieb er in der Außenpolitik, was er auch in der Innenpolitik stets gewesen ist: cavalier seul.

So verlor er Europa, da er ihm vorschreiben wollte, was es zu denken habe; und daß er sich zu guter Letzt fragen mußte: Habe ich das Meer gepflügt?

Alles in allem hat Charles de Gaulle nicht viel Bleibendes bewirkt. Sein Anspruch war größer als seine Kraft, und es lag etwas Manisches in der Art, wie er diesen Anspruch verfocht. Gegenüber seinem Schreibtisch im Elysee hing zwar ein Gobelin, "Don Quichotte, durch Weisheit von seinem Wahn geheilt", er selber jedoch hat das Quichottische zeit seines Lebens nie abzustreifen vermocht.

Charles de Gaulle glaubte, das Werdende in die Schablone des Gewordenen pressen zu können; darin lag seine Begrenzung. Gleichwohl neigt sich Europa, das er um ein Jahrzehnt zurückgeworfen hat, an seiner Bahre. In einem ahistorischen Zeitalter hat er noch einmal Historie zelebriert. Unter lauter Mittelmaß zeigte er, was Größe ist. Daß er voll verfehlter Ideen war, ist offenkundig. Niemand jedoch bestreitet, daß auch seine Fehler Format besaßen. Über seiner, des um Jahrhunderte Zuspätgekommenen, Gruft könnte stehen, was auf der Grabplatte Hadrians VI. in der deutschen Nationalkirche Santa Maria dell’Anima zu Rom eingemeißelt ist: "Wieviel kommt es doch darauf an, in welche Zeit auch des trefflichsten Mannes Wirken fällt!"