Der "Sieger" in den hessischen Landtagswahlen vom vergangenen Sonntag ist die SPD/FDP-Bundesregierung. Das unerwartet gute Abschneiden der Freien Demokraten hat alle Spekulationen beendet, die FDP könne nach einem Scheitern an der Fünf-Prozent-Klausel auseinanderbrechen und die Bonner Koalition gefährden. Im Wahlkampf hatten bundespolitische Aspekte, besonders die Ostpolitik Bonns, eine größere Rolle gespielt als landespolitische Fragen.

Alle drei in Bonn und Wiesbaden vertretenen Parteien haben das Wahlergebnis begrüßt. FDP-Bundesvorsitzender Scheel, der sich am Wahltag in Polen aufhielt, sprach von einem "sehr guten Ergebnis", dessen Höhe ihn überrascht habe. Seine Partei werde nunmehr mit verstärktem Selbstvertrauen in Bayern um die Rückkehr in den Landtag kämpfen. Auch die SPD, die beachtliche Einbußen hinnehmen mußte und die absolute Mehrheit verlor, äußerte sich befriedigt. Die CDU habe ihr Ziel, mit den Hessenwahlen die Bonner Koalition "aus den Angeln zu heben", nicht erreicht. Vielmehr gehe Bonn gestärkt aus den Wahlen hervor. Die CDU bezeichnete den "gewaltigen Sprung" – so Kiesinger – als "absolute Ermutigung", mit der bisherigen Politik fortzufahren.

Sechs Parteien – SPD, CDU, FDP und die NPD, die wie die DKP und Europapartei an der Fünf-Prozent-Klausel scheiterte – hatten sich um die 110 Sitze im Wiesbadener Landtag beworben. Die Zahl der Wahlkreise war von 48 auf 55 erhöht worden. Wahlberechtigt waren rund 3,8 Millionen Hessen, darunter 240 000 Erstwähler. Da das Wahlalter auf 18 Jahre gesenkt worden war, konnten 190 000 Jugendliche erstmals zur Urne gehen. Die Beteiligung dieser Gruppe lag allerdings erheblich niedriger als die Gesamtbeteiligung, die mit 82,7 Prozent die Zahl der Landtagswahlen 1966 um 1,7 Punkte übertraf.

Unbestrittener Gewinner ist die CDU. Sie vergrößerte ihren Stimmenanteil um mehr als die Hälfte und erwarb 17 Direktmandate gegenüber vier im Jahre. 1966. Erhebliche Zunahmen verzeichnete sie in Nordhessen, aber auch in den Städten. Zwei Landesminister – Ludwig von Friedeburg und Heinrich Strelitz – verloren ihren Kreis an den CDU-Kandidaten. Spektakulär war der Ausgang im Wahlkreis Frankfurt VIII: Hier unterlag der Bundesvorsitzende der Jungsozialisten, Karsten Voigt, der CDU-Kandidatin Ruth Beckmann.

Die Landesvorstände von SPD und FDP haben ihre Bereitschaft zu einer Koalition unter dem bisherigen Ministerpräsidenten Osswald (SPD) bekundet. Die Verhandlungen werden am Freitag aufgenommen.