Von Gottfried Sello

Die Idee des Happening ist brillant und über jedes Lob erhaben, sie ist nicht erst Wolf Vostell, der das Happening für Europa erfunden hat, eingefallen, auch nicht seinem Kollegen Allan Kaprow, der bereits 1959 das Happening beim amerikanischen Patentamt einschreiben ließ, auch nicht erst Yves Klein oder Kurt Schwitters, sondern dem Hegeischen Weltgeist, der (nicht Hegel, sondern der Weltgeist) die Weh als ein Happening konzipierte. Die Welt ist ein Happening, lehrte schon Heraklit (in seinem Traktat "Tage und Taten"), das meint, in der sinngemäßen Übersetzung, der Empedokles; die Welt ist ein sich Ereignendes, eine Binsenwahrheit, die inzwischen alle Spatzen von den Kathedern und die Philosophen von den Dächern pfeifen. Besagter Empedokles war aber auch einer der ersten, die ein Happening im engeren Sinne, im Sinne von Kaprow, Vostell und Harald Szeemann als ein vom Künstler inszeniertes oder verursachtes Ereignis veranstalteten. Er bestieg den Ätna und stürzte sich in den lavaspeienden Krater.

Viel zuwenig hat sich die Wissenschaft bisher mit der Bedeutung des Happening in der Antike befaßt, obgleich doch eklatante Beispiele in Fülle überliefert sind, angefangen bei Diogenes von Sinope, dem Kyniker, der seine berühmte Show in der Tonne abzog, um das Publikum zur kritischen Reflexion ihrer wirklichen oder nur vermeintlichen Bedürfnisse zu bewegen, bis zu den exhibitionistischen Happenings eines Nero, die allerdings eine kritisch aufklärerische Funktion vermissen lassen, weil sie nichts anderes demonstrieren als die Faszination von Terror und Brutalität, und das in so ungeheuerlichen Ausmaßen; daß sich demgegenüber die Materialaktionen eines Otto Muehl wie harmlose Exerzitien eines Waisenknaben ausnehmen.

Die Weltgeschichte, schreibt Leopold von Ranke, ist ein Happening, bei dem der Veranstalter die Kontrolle über die Ereignisse verloren hat. Das Risiko des Scheiterns ist dem Happening implizit.

Das sollte jeder beherzigen, der sich professionell mit dieser Materie befaßt. Und wenn schon der Weltgeist nicht in der Lage ist, einen störungsfreien Ablauf der Ereignisse zu garantieren, hätte auch unser vielerfahrener Happening-Spezialist Wolf Vostell mit einer jederzeit möglichen Panne rechnen müssen, die ihn, als sie eintrat und ihm sein sauber ausgearbeitetes Kölner Eröffnungs-Happening-Konzept verdarb, völlig überrumpelte, ihn aus dem Häuschen und auf die Palme brachte (Vorschlag für nächstesmal: ein Palmenhappening, wie bringt man Vostell da herauf und wieder herunter? Falls aber der Überempfindliche eine Berichtigung verlangt: Die Palme war nur bildlich gemeint, ich erkläre ausdrücklich, Vostell hat keine Palme erstiegen). Die Panne wurde durch die kalbende Kuh ausgelöst, die in der Rheinischen Presse am Eröffnungstag der Kölner Schau Schlagzeilen machte.

Was bezweckte Vostell mit der kalbenden Kuh in der Kölner Kunsthalle? Es handelte sich hierbei um ein Selbstzitat aus dem historischen Ulmer Happening von 1964: "In Ulm, um Ulm und um Ulm herum", Happening aus 24 vermischten Ereignissen. Das letzte dieser Ereignisse beinhaltete die Aufhebung der Indolenz durch die Aleatorik ("Zufallsbedingtheit", für Leser, die den Duden nicht zur Hand haben) und programmierte von 21 Uhr 45 bis 22 Uhr die Autobusfahrt zu einem Bauernhof und den Besuch des Stalls mit 200 Kühen. Publikumsanweisung: Warten Sie, bis die Kuh gekalbt hat, oder fahren Sie direkt nach Hause.

Diesmal brauchten die Teilnehmer sich nicht erst in den Stall zu bemühen, die hochtragende Kuh war in die Kunsthalle transportiert worden, wo sie auf ihrem Strohlager noch während der Pressekonferenz von den Journalisten besichtigt werden konnte. Am nächsten Tag war das Tier verschwunden. Wer hatte es entfernt? Die Obrigkeit, nicht der Staatsanwalt, das Medizinalamt oder die Veterinärabteilung war vorstellig geworden, die seelische Belastung, in aller Öffentlichkeit zu kalben, sei dem Tier nicht zuzumuten, der Beigeordnete Dr. Schaefer wurde initiativ, Beamte des Ordnungsamtes holten die Kuh ab, sie wurde ihrem Besitzer, einem Bauern in Kürten, wieder zugestellt.