Von Marcel Reich-Ranicki

Daß diese oder jene Oper überhaupt nicht mehr spielbar und vollkommen passé sei, wird immer wieder verkündet. Die Opernkritiker betätigen sich gern als Totengräber. Aber offenbar macht ihnen dieses Geschäft erst dann richtig Spaß, wenn es um Objekte geht, die noch nicht verblüht, geschweige denn moribund sind.

So konnte man unlängst aus Anlaß einer Berliner Neuinszenierung lesen, der "Rosenkavalier" sei schon verblaßt und verstaubt und gehöre bald in die Abstellkammer der Musikgeschichte. Und nach einer Aufführung der "Salome" an der Londoner Covent Garden Opera erklärte vor einigen Monaten der Rezensent einer der großen Londoner Tageszeitungen, der endgültige Abschied von dieser Oper sei nun fällig.

Daß er es keineswegs ist, zeigte in der vergangenen Woche die Hamburger "Salome"-Premiere unter Karl Böhm. Nicht nur jenes vorlaute Londoner Verdikt führte Böhm ad absurdum, er vermochte auch zu beweisen, daß die "Salome" eines der intensivsten und aufregendsten Werke des Musiktheaters unseres Jahrhunderts geblieben ist.

Geblieben oder vielleicht erst geworden? Es lebe in dieser Oper – erkannte Gustav Mahler sofort – "unter einer Menge Schutt ein Vulkan, ein unterirdisches Feuer". Vulkane erlöschen, der Schutt bleibt – das ist der Lauf der Welt. Aber für die "Salome" scheint dies vorerst nicht zu gelten.

Gewiß ist, was Mahler kurzerhand als Schutt bezeichnete, nicht mittlerweile verschwunden, nur fällt es uns wohl leichter, sich damit abzufinden, also darin nicht mehr zu sehen als das zeitbedingte Beiwerk, von dem man kaum eine Oper freisprechen kann und das fast belanglos wird, wo sich jenes "unterirdische Feuer" als authentisch und dauerhaft erweist.

Sehr möglich, daß dieses schamloseste und obszönste Werk der Opernliteratur – "I hab’ meine Sexualität bei der ‚Salome‘ abreagiert...", sagte Strauss mit bajuwarischer Direktheit – von unserem veränderten und ungleich freieren Verhältnis eben zum Sexuellen profitiert und in Zukunft noch mehr profitieren wird.