Die Funktionäre des Deutschen Industrie- und Handelstages (DIHT) beobachten mit Unbehagen, was ihnen an der Arbeit der Bonner Ministerien längst vertraut sein müßte: Das Bundesfinanzministerium umgibt seinen noch unfertigen Gesetzentwurf gegen die Steuerflucht "mit höchster Geheimhaltung". Die Geheimhaltung hindert den Geschäftsführer dieser Spitzenorganisation der westdeutschen Industrie- und Handelskammern, Albrecht Düren, freilich nicht an der vorsorglichen Warnung vor den "negativen volkswirtschaftlichen Auswirkungen" des, wie er befürchtet, "zu weit gespannten" Gesetzes.

In der Tat richten sich auf den Gesetzentwurf, der voraussichtlich noch im November dem Bundeskabinett zugeleitet wird, große Erwartungen – wenn sie sich auch, je nach dem Interessenstandpunkt, sehr unterscheiden. Befürchtet man in den Spitzenorganisationen der Wirtschaft, durch die Flucht deutscher Besitzbürger in Steueroasen könnten die außenwirtschaftlichen Beziehungen der Bundesrepublik mit diesen Oasenländern insgesamt erschwert werden, so hofft man etwa beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB), daß es "den Steuergaunern endlich an den Kragen" gehen wird. Eher auf Seiten des DGB scheint auch Finanzminister Möller zu stehen, der es einige Male "unanständig" genannt hat, in der Bundesrepublik verdientes Geld dem deutschen Fiskus zu entziehen.

Dabei herrscht bei allen Beteiligten Unklarheit, welches Ausmaß die Flucht vor den Finanzämtern der Bundesrepublik tatsächlich angenommen hat. Recht forsch sprach die Gewerkschaftszeitung "Welt der Arbeit" von jährlich 2,5 Milliarden Mark, die nicht versteuert würden. Das Blatt inspirierte mit dieser Zahl weitere Presseerzeugnisse, die bislang nur vage Vermutungen hatten äußern können. Der DGB-Steuerexperte Hans-Georg Wehner räumt jedoch bereitwillig ein, daß diese und ähnliche Zahlen "gegriffen" seien, die Wirklichkeit mithin nur sehr ungenau treffen.

Zu wenig erforscht sind die vielfältigen Wege, auf denen Einkommen aus der Bundesrepublik unter anderem in die Schweiz, nach Liechtenstein, Panama, Liberia oder auf die Bahamas transferiert werden können. Die Geheimhaltung der dortigen Behörden bedeutet eine weitere Erschwernis.

Immerhin aber weiß das Bundesfinanzministerium, wo es ansetzen muß, damit die bange Vermutung wahr wird, die der unternehmernahe "Industriekurier" im Sommer, wenige Wochen vor seinem Ende, in einer Schlagzeile geäußert hat: "Nur noch wenige Monate Gelegenheit zur Steuerflucht." Das Ministerium hat die Lösungsmöglichkeiten vor Augen, die Amerikas Regierung bereits vor Jahren vorpraktizierte: Sogenannte Basisgesellschaften deutscher Unternehmen im Ausland so zu behandeln, als schütteten sie Gewinn aus und brächten diesen brav an ihre Eigner in die Bundesrepublik zurück. "In eingeweihten Kreisen wird über das amerikanische Modell diskutiert", heißt es in Bonner Kreisen, die die Arbeit des Finanzministeriums sehr sorgfältig verfolgen.

Rund 20 000 solcher Basisgesellschaften, mitunter durch nichts weiter als einen Briefkasten kenntlich gemacht, gibt es allein in der Schweiz. Etwa 8000 davon sind fest oder doch wenigstens teilweise in deutscher Hand. Sie werden von Unternehmen gegründet, die ihre Betriebe zwar nach wie vor in der Bundesrepublik arbeiten lassen wollen, ihren Firmensitz indes in der Schweiz besser aufgehoben glauben. Zuweilen vertreten diese Gesellschaften aber auch Privatleute, Journalisten und Schriftsteller etwa, die sich zum Kummer der deutschen Finanzämter als Agenten eines ausländischen Arbeitgebers ausgeben.

Mit solchen Basisgesellschaften läßt es sich gut verdienen. Während nach deutschem Gesetz bis zu 51 Prozent der Einkommen dem Fiskus überlassen werden müssen, sind Basisgesellschaften etwa von der schweizerischen Hauptsteuer, den Kantonal- und Gemeindesteuern, teilweise völlig befreit. Sie zahlen lediglich die der schweizerischen Bundesregierung zufließende Wehrsteuer, deren Progression schon bei 7,2 Prozent endet. Hinzu kommt noch eine Vermögenssteuer, die, wie ein leitender Beamter des Bonner Finanzministeriums geringschätzig vermerkt, "so minimal wie eine Kurtaxe" angesetzt ist. Sie sei "der Preis für die gute Luft des Tessin".