Von Peter Demetz

In den frühen dreißiger Jahren liebte man es, von der "Krise der Geisteswissenschaften" zu sprechen, weil sich nicht jeder der Totalität einer einzigen Methodik unterwarf, und ich frage mich, was die damaligen Beobachter heute zu sagen hätten, da sich das Chaos widerstreitender Lehrmeinungen in einen permanenten Wahlkampf der Splitterparteien verwandelt hat.

Krise oder Vitalität? Zwei gegensätzliche Methoden lassen sich noch ins dialektische Schema zwingen, aber bei drei beginnt offenbar die repressive Toleranz; kein Wunder, daß sich viele Literaturfreunde hinter die Zementsäcke ihres einen Dogmas flüchten oder aber den Methodenstreit als lästiges Professorengezänk abtun, das die Gloria der Literatur durch das Reden von Überbau, Struktur, Unterbewußtsein oder Rezeption eher verdunkelt als erhellt.

Ich kann weder den einen noch den anderen folgen, denn die Methode hat es mit der Begründung des Forschungsgegenstandes zu tun; und der Prager Philosoph Ivan Sviták warnt in seinen Parabeln zu Recht vor jenem törichten Dozenten, der die Existenz der Walfische leugnete, weil er sich immer nur mit feinmaschigen Krabbennetzen auf seine Fischzüge begab. In der Geschichte des konstruktiven Intellekts, wie im Meere, schwimmen kleine und große Fische, und es kommt, ganz darauf an, mit welchen Netzen (um nicht zu sagen: Maschensystemen) wir uns auf den Fischfang begeben – der legitime Methodenstreit will uns über die Art der Netze aufklären, die uns die eine und nicht die andere Beute bringen.

Ob sich die Literaturwissenschaft mit nationalen Heringen begnügen oder ob sie sich auf die beschwerliche Fahrt nach den weißen Walen der Weltliteratur aufmachen soll, war noch vor wenigen Jahren die Frage vieler, aber nachdem man an einer Handvoll deutscher Universitäten Lehrstühle für Vergleichende Literaturwissenschaft einrichtete, sind unsere grundsätzlichen Überlegungen nicht eben fortgediehen. Ungeachtet aller Studentenrevolution, die das Neue fordert, ist die sogenannte Komparatistik immer noch in der institutionellen, wenn nicht gar intellektuellen Verteidigung (wie unlängst noch die deutsche Soziologie) und bedarf der rechtschaffenen Anwälte, die ihre Ansprüche und Möglichkeiten ungescheut definieren. Eben das geschieht in dem Buch von

Ulrich Weisstein: "Einführung in die Vergleichende Literaturwissenschaft"; Sprache und Literatur 50, W. Kohlhammer Verlag, Stuttgart; 256 S., 16,80 DM

mit engagierter Überzeugung und souveräner Sachkenntnis der institutionellen und bibliographischen Fachsituation. Gut, daß die Begriffsbestimmung der Komparatistik, "dieses in deutschen akademischen Kreisen noch immer ziemlich unbekannten und meist unzulänglich definierten Komplexes", selber komparatistisch verfährt und den Mittelweg zwischen der Pariser Schule und der amerikanischen Richtung zu markieren sucht: zwischen dem Tatsachen-Positivismus der älteren französischen Universitätstradition, welche die Sensibilität an dinglich Nachweisbares fesselt, und den freieren Kombinationen der Amerikaner, die (wie Weisstein meint) in ihrem Interesse für Literaturkritisches das Historische und Positive nur allzu willfährig ignorieren. Weisstein fordert eine kosmopolitische Perspektive, die aber der philologisch-historischen Securité nicht entbehrt, und prüft deshalb die Geschichte der akademischen Disziplin in ihren Arbeiten und Institutionsformen; merkwürdig; daß man in Deutschland schon im Jahre 1887 eine Zeitschrift für vergleichende Literaturgeschichte begründete, aber in Harvard den ersten Lehrstuhl (1890), dem die längst aktiven Franzosen erst sieben Jahre später in Lyon (1897) und an der traditionsbildenden Sorbonne (1910) folgten – von dort gingen dann nach 1945 die ersten konkreten Impulse aus, welche die Komparatistik in der französisch besetzten Zone gegen die deutsche Tradition wirksam förderten (Mainz).