Ist es ... fragwürdig, ausschließlich naturwissenschaftliche Begabung zu fördern, glauben Sie nicht, daß es notwendig wäre, gleichzeitig sozialwissenschaftliche Forschung zu unterstützen?" Diese Frage, gestellt von einer jungen Reporterin an den Chefredakteur des "stern", Henri Nannen, deutet die Intentionen einer "Pop und Politik"-Untersuchung im ersten Hörfunkprogramm des Norddeutschen Rundfunks (NDR) über den Wettbewerb "Jugend forscht" an (an diesem Wettbewerb können sich Jugendliche von 16 bis 21 Jahren mit naturwissenschaftlichen Arbeiten beteiligen).

Durch Art und Auswahl der Beiträge entstand beim Zuhörer der Eindruck, "Jugend forscht" werde durch und zum Vorteil der Industrie manipuliert und diene ihr als Lieferant naturwissenschaftlicher Nachwuchskräfte.

Ein Interesse der Industrie an diesem Wettbewerb ist zweifellos vorhanden. Ohne die materielle Unterstützung der Firmen hätte sich "Jugend forscht" nicht in so kurzer Zeit konstituieren können. Wie weit reicht nun der Einfluß der Industrie auf die Zielsetzung des Wettbewerbes und die teilnehmenden Jugendlichen?

Gegründet wurde der Wettbewerb mit dem Ziel, der Unterbewertung der Naturwissenschaften in unserer Gesellschaft entgegenzuwirken, indem die Jugendlichen frühzeitig naturwissenschaftliche Fragestellungen erkennen und lösen lernen. Die Ergebnisse der eingereichten Arbeiten lassen sich in den seltensten Fällen wirtschaftlich nutzen. Auch aus den Kontakten, die der Teilnehmer während der Wettbewerbe zu Firmen knüpft, folgt kaum eine Einflußnahme auf seine Berufsentscheidung. Die Abwerber der Industrie stehen nicht vor den Toren von "Jugend forscht", sondern sitzen in den Instituten der Technischen Hochschulen und Universitäten.

Oft muß der Teilnehmer zur Lösung methodischer Fragen oder zur Einsicht in die Fachliteratur Kontakte zu den Hochschulen aufnehmet. Alle diese Kontakte muß er von sich aus aufbauen; er ist also nicht in der Rolle des manipulierten Objekts, sondern des handelnden Subjekts. Hier muß die Motivation von "Jugend forscht" gesucht werden. In der Förderung kreativen Denkens und selbständigen Handelns, nicht in Verbreitung naturwissenschaftlicher Inhalte, liegt das primäre Ziel.

In der Sendung des NDR wurde dann die Frage nach einer vergleichbaren Förderung der Gesellschaftswissenschaften aufgeworfen, implizierend, sozialwissenschaftliches Denken allein führe zu kritischem Bewußtsein und ermögliche erst selbständiges Handeln. Bei einer inhaltlichen Formulierung der Begriffe "kritisches Bewußtsein", "kreatives Denken" und "selbständiges Handeln" soll untersucht werden, ob ein sozialwissenschaftlicher Wettbewerb eher zur Förderung dieser Qualitäten geeignet ist.

Kritisches Bewußtsein, verstanden als die Fähigkeit, bewußt gewordene Erfahrungen differenzieren und werten zu können, hängt nicht davon ab, ob die Erfahrungen aus einem naturwissenschaftlichen, gesellschaftswissenschaftlichen oder einem anderen Erfahrungsbereich resultieren Denken von subjektiv "Neuem" und Formulieren von Zielvorstellungen, das wird als kreatives Denken bezeichnet. Realisation von Zielvorstellungen ist selbständiges Handeln, wobei der Inhalt des Handelns durch das "Wollen" des einzelnen bestimmt und gegenüber anderen abgegrenzt ist. Selbständiges Handeln ist nicht bestimmt vom Inhalt des Handelns, sondern impliziert die Bereitschaft, Handlungsinhalte zu überprüfen, wenn die Ausgangssituation der Zielvorstellung durch neue Erfahrungen verändert wird. Die Begriffe "kritisches Bewußtsein", "kreatives Denken" und "selbständiges Handeln" bezeichnen demnach Qualitäten des Denkens und Handelns. Die Denkinhalte können selbstverständlich auch im sozialwissenschaftlichen Bereich liegen.