Freiheit und Wissenschaft sind zwei Reizwörter unserer Zeit. Wie sollte ihre Verbindung nicht potenzierte Wirkung auslösen. In unserer Gesellschaft ist die Freiheit der Wissenschaft durch Artikel 5 des Grundgesetzes gefordert und geschützt. Eine Vereinigung, die sich dieser Verbindung als Andeutung eines Programms bedient, erscheint gegen kritische Fragen stark geschützt. Ist sie es?

Eine Reihe von Hochschullehrern und Politikern, darunter sehr namhafte, haben sich zusammengefunden, um nachdrücklich vor Gefahren zu warnen, die mit beschlossenen und beabsichtigten Hochschulgesetzen verbunden sein können. Welche Gefahren sind gemeint? Vor allem die, die sich daraus ergeben können, daß der Wissenschaft Prinzipien aufgedrängt werden, die aus wissenschaftsinkongruenten Bereichen stammen, insbesondere aus der parlamentarischen Demokratie. Besonders wird vor einer damit verbundenen Politisierung und Ideologisierung der Hochschule gewarnt.

Tatsächlich ist "Demokratisierung" ein Schlagwort der Universitätsreform. Von dem politisch Verantwortlichen wurde und wird dieser Begriff nur in dem Sinne verwandt, daß längst überholte Hierarchien und Privilegien abgebaut werden sollen, jedoch nie im Sinne einer "égalité" aller Hochschulmitglieder. Das im Bund "Freiheit der Wissenschaft" übel beleumdete Berliner Universitätsgesetz sieht im Fachbereichsrat 7 Hochschullehrer, 4 wissenschaftliche Mitarbeiter, 3 Studenten und eine "andere" Dienstkraft vor. Aus wohlerwogenen sachlichen Gründen beruht diese Zusammensetzung auf keinem Gruppenproporz, sondern nimmt auf die spezifischen Besonderheiten der Gruppen Rücksicht.

Trotzdem müssen sich Gesetzgeber und die ihn beratenden Regierungen der Frage stellen, wie sie zu solchen kollektiven Regelungen kommen, statt der Gruppe allein die Entscheidungen zu überlassen, welche am höchsten qualifiziert erscheint. Dieses Problem wäre nicht aufgetaucht, wenn die überkommene deutsche Universität, in der es so war, nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Bewährungsprobe bestanden hätte. Nachdem die Gunst der "Stunde Null" nach 1945 verpaßt war, steuerte die Hochschule – zunächst unbemerkt – einer schweren Krise zu. Sie geriet zwar nicht allein in die gesellschaftspolitische Flaute einer restaurativen Politik, aber sie war gegen diese Fehlentwicklung besonders empfindlich und wurde damit zum Seismometer und Fokus einer gesellschaftlichen Krise.

Dieser Empfindlichkeit standen jedoch keine entsprechenden Selbstheilungskräfte gegenüber. Eine Reform hätte erfordert, daß die Inhaber von Entscheidungsmacht sich aus eigenem Willen ihrer hätten begeben müssen. Solche Situationen führen nicht nur an Hochschulen zur Hemmung reformerischer Ansätze. Berufsverbände und andere Institutionen machen ähnliche Erfahrungen.

Infolgedessen ging die Verpflichtung zur Reform mehr und mehr auf die politischen Instanzen über. Allerdings wurden ihre Versuche mit oft erbittertem Widerstand zahlreicher Hochschullehrer beantwortet. Beispiele sind das Berliner Hochschullehrergesetz von 1962, weil darin unter anderem eine leichte Liberalisierung der Habilitation versucht wurde, und das erste hessische Universitätsgesetz von 1966, das Ernst Schütte die Gegnerschaft der offiziellen Hochschulgremien einbrachte. Als der Verfasser im Juni 1967 einen Berliner Gesetzentwurf zur Diskussion stellte, war die Resonanz bei den Hochschullehrern ebenfalls nicht nur vorwiegend ablehnend, sondern auch durch fehlende konstruktive Kritik gekennzeichnet.

So stieg die Flut. Als nach dem Dammbruch der folgenden Jahre Regierungen und Parlamente begannen, neue Deichlinien zu ziehen, begann die Klage über verlorenes Terrain. Wie wünschenswert wäre vor vier bis fünf Jahren eine Art Notgemeinschaft aufgeschlossener Professoren gewesen, um die Hochschulen von innen her sachgerecht zu reformieren. Die Politiker versuchen zu verstehen, warum das nicht möglich war; mögen nun die Professoren begreifen, eine wie schwierige und undankbare Arbeit sie den Politikern überließen. Daß dabei eine gewisse "Politisierung" des Problems sich ergeben mußte, die manchem Hochschullehrer fremd und befremdlich ist, sollte wissenschaftlich-kritisch denkenden Menschen verständlich sein.