Darmstadt

Unter dem Aktenzeichen – 2 Js 23/69 – wurde bei der Staatsanwaltschaft des Landgerichts Darmstadt gegen Dr. med. Heinz W. Schneider, Leverkusen, und gegen Dipl.-Ing. Otmar Schregenberger, Schaffhausen/Schweiz, seit dem Frühjahr 1969 ermittelt. Der Vorwurf lautete auf "Verdacht der fahrlässigen Tötung, der fahrlässigen Körperverletzung und des Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz im Zusammenhang mit der Herstellung und dem Vertrieb des Arzneimittels Menocil".

Dieses Medikament war von der Arzneimittelfirma "Gilag", deren Geschäftsführer die Beschuldigten waren, während der Jahre 1965 bis 1968 in der Schweiz, in Österreich und in der Bundesrepublik als Schlankheitsmittel vertrieben worden. Zwar war das Mittel in den USA entwickelt und erprobt worden, es wurde aber dort nie auf den Markt gebracht. Der Verdacht, dieses Medikament könnte eine gefährliche Erkrankung der kleinen Lungengefäße als Nebenwirkung hervorrufen, war laut geworden, nachdem zunächst Schweizer, dann auch österreichische und deutsche Kardiologen auf ein anfangs unerklärliches Ansteigen dieser seltenen Erkrankung aufmerksam gemacht hatten. Das Mittel war in Österreich daraufhin Ende September 1968 durch einen Runderlaß der Wiener Regierung von Markt genommen worden, in der Schweiz hatte die Firma das Mittel am 10. Oktober 1968 und in der Bundesrepublik etwa acht Wochen später zurückgezogen.

Inzwischen sind in der Schweiz etwa 30 Patienten mit der lebensgefährlichen Erkrankung nach Einnahme des Mittels entdeckt worden, für die Bundesrepublik wird die Zahl der Erkrankten auf mindestens 850 geschätzt.

Die Staatsanwaltschaft Darmstadt kommt in ihrem Beschluß zu der Ansicht, die Hersteller seien "ihrer Verpflichtung, Menocil vor seiner Markteinführung zu erproben und auf mögliche schädliche Nebenwirkungen zu untersuchen, ... in ausreichendem Maße nachgekommen". Auch könne den Beschuldigten nicht vorgeworfen werden, "nach Bekanntwerden angeblich schädlicher Nebenwirkungen den Vertrieb des Präparates zu spät eingestellt (zu) haben".

Abenteuerlich muten nun Art und Weise an, wie die Staatsanwaltschaft zu diesem Schluß kommt. Sie stellt zunächst fest, die tierexperimentelle Untersuchung des Stoffes hätte "keine ungewöhnlichen oder gar schädlichen Nebenwirkungen" hervorgerufen. Man wüßte gern, welcher Gutachter dem Staatsanwalt nach Lektüre der Untersuchungsprotokolle zu dieser Erkenntnis verholfen hat. An etwa 4500 Patienten wurde das Mittel in den USA und an etwa 750 Patienten in Europa klinisch erprobt, wobei sich die 750 Patienten auf 53 Prüfer verteilen (nicht ganz fünfzehn pro prüfenden Arzt). Alle diese Untersuchungen "haben" – so die Staatsanwaltschaft – "schädliche Nebenwirkungen nicht ergeben, vielmehr wurde die gute Verträglichkeit auch bei Herz- und Kreislaufkrankheiten ... von einer großen Zahl der Prüfer bestätigt".

Hier wüßte man nun endlich gern, welcher Wissenschaftler dem Staatsanwalt diese Untersuchungsprotokolle derart interpretiert hat, daß er meint, "die Beschuldigten durften daher ... dem Bundesgesundheitsamt gegenüber schriftlich bestätigen, Menocil dem gegenwärtigen Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis entsprechend ausreichend und sorgfältig geprüft zu haben". Gehört es doch heute zum Abc jedes Adepten der Biologie, daß man, um eine Nebenwirkung von etwa drei Prozent sicher erkennen zu können, mindestens tausend Fälle beobachten muß – die 750 Patienten in Europa hätten also selbst in einer exakt kontrollierten, koordinierten Untersuchung nicht ausgereicht, die lebensgefährliche Nebenwirkung zu entdecken, auch wenn jeder zweihundertste Patient daran erkrankt wäre.