Stuttgart

Kühe melken, das kann jeder – aber Ochsen... das versuchen Stuttgarts Stadtväter schon seit mindestens fünf Jahren. 1965 hat der Stuttgarter Oberbürgermeister Arnulf Klett seine erste Denkschrift in die Villa Reitzenstein der Landesregierung geschickt und seine Städtischen Kliniken als Ausbildungsstätten für Mediziner empfohlen. Damals war von einem "Akademischen Krankenhaus" die Rede. Bei den in den nächsten Tagen bevorstehenden Verhandlungen mit dem Staat geht es demselben Oberbürgermeister nun um eine Medizinische Fakultät mit Promotions- und Habilitationsrecht.

Die Kranken spielen dabei die geringste Rolle. Sehr viel interessanter ist die angestrebte Akademisierung mit Staatsbeteiligung für die Ärzte. Deren Gehälter müßten dann nämlich nicht mehr von der Stadt, sondern vom Staat gezahlt werden, und die Professoren unter den Klinikchefs müßten dann nicht mehr auswärts oder gar nicht lesen, sondern könnten ihre Familie und Assistenten in den Stuttgarter Krankenhäusern um sich scharen. Ja, für manche Kapazität würde dadurch Stuttgart erst interessant. Selbstverständlich käme dies dann auch wieder manchen Patienten zugute.

Viel wichtiger aber scheint den im Straßenbahndefizit herumfahrenden und durch noch nicht betriebsfertige U-Bahn-Röhren blickenden Schwaben die staatliche Kapitalbeteiligung zu sein. Eigentlich gar nicht viel: Nur 5,5 Millionen Mark brauche man vom Staat für Aus-und Neubauten, und nur 1,85 Millionen Mark seien jährlich für die laufenden Kosten erforderlich, hat die Gesellschaft der Freunde der Medizinischen Fakultät Stuttgart 1968 ausgerechnet. Der Stadtkämmerer Dr. Sander hat inzwischen den Betrag der Konjunktur angepaßt: zehn Millionen Mark für einmalige Investitionen und drei bis vier Millionen Mark jährlichen Betriebszuschuß.

Der baden-württembergische Kultusminister, Professor Wilhelm Hahn, aber erinnerte an das ehemalige städtische Krankenhaus Rechts der Isar in München. Dort war man auch einmal von acht Millionen Mark ausgegangen, jetzt rechnet man schon mit 240 Millionen Mark. Wenn die Stuttgarter Krankenhäuser Universitätskliniken werden sollen, dann koste das mindestens 106,7 Millionen Mark und zudem jährlich 14,3 Millionen Mark, hat eine Kommission des Kultusministeriums ausgerechnet. Und das könne das Land nicht verkraften oder nur auf Kosten der im Aufbau befindlichen Universitätskliniken in Ulm und der Zweiten Medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg in Mannheim finanzieren, ließ Finanzminister Robert Gleichauf wissen.

Offenbar hat das Arnulf Klett zunächst einmal die Sprache verschlagen. Er verschwieg diese Gegenrechnung nämlich seinem Gemeinderat, der davon erst aus der Zeitung unterrichtet wurde, und auch erst acht Monate später. Der Anlaß dazu war der Vorwurf der Stuttgarter SPD gegen den CDU-Kultusminister und den CDU-Finanzminister gewesen, daß diese für die Verzögerung der Medizinischen Ausbildung in Stuttgart verantwortlich seien. Danach erst kam heraus, daß der parteilose Oberbürgermeister die Bereitschaft der Minister zu weiteren Gesprächen vom 24. Juni 1969 einfach negiert hatte. Stracks mißbilligte dies die CDU im Stuttgarter Gemeinderat, auch wenn der Finanzminister sein Schreiben als vertraulich deklariert hatte. Die Jungdemokraten sammelten inzwischen 2500 Unterschriften für die Errichtung einer Medizinischen Fakultät, die Pressestelle der Ärztekammer pflichtete bei, der Große Senat der Technischen Universität Stuttgart sprach sich für eine Symbiose von Technik und Medizin, ähnlich wie an der Universität Aachen, aus. Arnulf Klett aber erklärte ungeniert und hemdsärmelig wie beim Faßanstich auf dem Cannstatter Volksfest: "Es ist völlig wurscht, wie viele Besprechungen mit dem Finanzministerium stattfinden, denn es liegt klar auf der Hand, daß die Landesregierung eine Medizinische Fakultät in Stuttgart nicht will und deren Errichtung durch bewußt überhöhte Kostenschätzungen unterbindet. So kann man mit der Landeshauptstadt und dem mittleren Neckarraum nicht umgehen."

Trotzdem ließ er sich von besonnereren Gemeinderäten beruhigen und schickte seinen geharnischten Brief nicht an den Kultusminister, sondern legte eine beinahe hundert Seiten starke Denkschrift vor, in der zu lesen ist, daß Stuttgart gar nicht den Ehrgeiz habe, selbst Träger einer medizinisch-klinischen Akademie zu werden. Eventuell könne das Klinikum ja auch an die Medizinische Fakultät in Tübingen angehängt werden. Eventuell könne aber in Stuttgart auch eine Stiftungs-Fakultät gegründet werden. Dieser Gedanke kam nun wiederum so überraschend, daß die Landesregierung sich zunächst in Schweigen zurückzog. "Um einer Legendenbildung entgegenzutreten", wies das Kultusministerium jedoch darauf hin, daß die Landesregierung entschlossen sei, die Stuttgarter Kliniken "im Rahmen der medizinischen Ausbildung zu nützen". Man denkt an die Verwendung als teaching hospital, das weniger der Forschung als der Ausbildung am Krankenbett dienen soll. Nikolas Lang