"Ein Haus in Böhmen", Roman von Hanna Demetz. Das könnte ein bedeutender Roman sein: Eine jüdische Familie wird ermordet, nach und nach, aber so gut wie vollständig. Das Oberhaupt dieser Familie, ein erfolgreicher Geschäftsmann in der tschechischen Provinz, will nicht als Jude leben und noch weniger als Jude fliehen. Er kommt im Lager ebenso um wie sein Prager Schwiegersohn, der sich auf ein Visum eingerichtet hatte. Eine Überlebende erzählt – der Vater war kein Jude, und sie galt als Mischling. Diese Überlebende und die Romanautorin Hanna Demetz haben ohne Zweifel viel gemeinsam. Das Buch ist ein glaubwürdiges Dokument, voll jener Einzelheiten, die kein Mensch erfinden kann. Nur: die Schreibweise paßt schlecht zum Gegenstand. Die Wehmut, mit der die Verfasserin und ihre Ich-Erzählerin an Großvaters "blitzenden Säbel" und "Urgroßmutters Aussteuertruhe" zurückdenken, an "Großvaters Erdbeeren", die "Riesen-Geburtstagsgans" und den Rotwein dazu, "ein von allen Musen geküßtes Meisterwerk", die lächelnde Nachsicht, die den Schwärmereien von damals gilt ("Der tollste Mann, den wir kannten ... war Hannes Stelzer") – all diese Bürgerfeinheit wäre auch anderswo fatal. Und: auch andere, sehr andere sind schon verunglückt, als sie aus dem Massenmord Literatur gewinnen wollten. (Verlag Ullstein, Berlin/Frankfurt/Wien; 206 S., 22,– DM) Christa Rotzoll

"Spiele", Roman von Gwen Davis. "Wenn jemand sagt, daß dieses Buch Pornographie sei, so irrt der Betreffende", sagte die Autorin. Allzu viele werden sich nicht irren. Mitnichten liest sich, wie die Klappe mutmaßt, nach diesem Wälzer "alles andere ... wie ein Weihnachtsmärchen". Louise Felder, Klatschspaltenkolumnistin und Hauptfigur, möchte die Theorie durch die Praxis untermauern und arbeitet sich, wie man zu sagen pflegt, im Jet-Set hoch. Sie erlebt ein paar heiße Sachen, von der Art, wie man sie sonst in Bestsellern liest, und findet – wer wollte es schöner sagen als die "Besprechungsunterlage" – "am Ende des Buches... zu ihrer eigentlichen großen Liebe, einem zwar sehr reichen, aber sensiblen und an dem Gesellschaftsrummel gar nicht interessierten jungen Mann; er vermag die in allen Punkten trotz der vielfachen Frivolitäten sympathisch geschilderte Louise von ihrer Frigidität zu heilen". Möglicherweise möchte daraufhin jemand das Buch kaufen. Louises Werdegang ist eingebettet in die Beschreibung vieler reicher Fernseh-, Film-, Automobil-, Kunst- und anderer Produzenten. Sie alle treiben makabre Spielchen (siehe Titel) und erfreuen mit einem Humor, der sich etwa auf folgendem Niveau bewegt: sagt er "wir haben nicht mal ein Bett übrig", sagt sie, "ich rufe bei Hertz an und leih mir eins". Hinter der dünnen Fassade der Kritik sitzen dick das selbstgefällige Wohlgefallen an der schönen Perversität und ein exhibitionistisches Bescheidwissen. Das atemlose Geplauder der zum langen Satz tendierenden Autorin wird leider nicht jeden ermüden und nicht jeden deprimieren. (C. Bertelsmann Verlag, Gütersloh; 640 S., 25,– DM)

Christel Buschmann